5 Fragen zur tiefen Hirnstimulation an einen Parkinson-Betroffenen und Priv.-Doz. Dr. med. Tobias Wächter
Ein operativer Eingriff ins Gehirn klingt erst einmal beängstigend. Doch für manche Parkinson-Betroffenen kann dies der Schlüssel zu mehr Lebensqualität sein. Ein Hirnschrittmacher kann helfen, Symptome zu mildern. Wir haben uns mit Priv.-Doz. Dr. med. Tobias Wächter, Parkinson-Experte und Chefarzt der Neurologie beim Passauer Wolf Bad Gögging, und Parkinson-Patient Klaus Wirnitzer zusammengesetzt, um mehr über die Methode der tiefen Hirnstimulation zu erfahren. Klaus Wirnitzer lebt seit 2019 mit einem Hirnschrittmacher.
Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden ins Hirn eingesetzt, die über elektrische Reize Einschränkungen ausgleichen. Wie genau funktioniert das im Zusammenhang mit Parkinson?
Priv.-Doz. Dr. med. Tobias Wächter: »Morbus Parkinson ist eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems. In einem bestimmten Gehirnareal, der Substantia nigra, sterben dopaminhaltige Nervenzellen ab. Warum sie das tun, bleibt in den meisten Fällen unklar. Erste Symptome sind verlangsamte, unsichere Bewegungen, Versteifung oder Zittern. Die Sprache wird undeutlicher und auch die Handschrift zeigt Veränderungen. Sie wird kleiner, zittriger, unleserlicher. Etwa 300.000 Menschen in Deutschland sind von Morbus Parkinson betroffen
Ein Hirnschrittmacher kann dabei helfen, die Symptome zu lindern. Dabei werden zwei Elektroden ins Hirn eingesetzt, die ganz bestimmte Stellen ansteuern. Die elektrischen Reize hemmen dann Zellen, die aufgrund des Dopaminmangels überaktiv sind.«
Klaus Wirnitzer: »Bei uns in der Selbsthilfegruppe war jemand, der hatte die OP schon gemacht, und der hat gemeint, das hilft ungemein. Er hat gezittert, und wenn er das Ding eingeschaltet hat, war das Zittern weg. Wie bei einem Lichtschalter: An, Aus. Das war unglaublich faszinierend.
Ich war dann auch mal in Rummelsberg am Parkinson-Tag, da hörte ich einen Vortrag zum Thema tiefe Hirnstimulation. Nach dem Vortrag habe ich mit der Ärztin gesprochen, und die meinte, ich soll einfach in die Praxis kommen, und dort würde dann geprüft, ob ich die Voraussetzungen für den Schrittmacher erfülle. Danach ging es an die Uniklinik Regensburg, dort hatte ich ein Gespräch mit dem Neurologen. Die Voraussetzungen waren erfüllt, und wir haben einen Termin ausgemacht. Im März 2019 war es dann soweit.
Als Vorbereitung wurde ein MRT gemacht, unter Vollnarkose. Denn man darf sich dabei ja keinen Millimeter bewegen, damit man die Elektroden später ganz genau einsetzen kann. Und dann kam eine 8-stündige OP, in der mir die Elektroden eingesetzt wurden. Und das habe ich nicht bereut.«
Welche Einstellungsmöglichkeiten gibt es für diesen »Hirnschrittmacher«? Was kann man hier steuern?
Dr. Wächter: »In der Regel werden nur Patienten bis zum 75. Lebensjahr mit einem Hirnschrittmacher versorgt. Die Patienten sollten zudem kognitiv nicht zu sehr eingeschränkt sein. Mit der tiefen Hirnstimulation kann man in der Regel gut den Tremor (Zittern) reduzieren, die Bewegungsamplituden der Handbewegungen erweitern und Wirkungsfluktuationen glätten.«
Klaus Wirnitzer: »Ich habe in jeder Hirnhälfte eine Elektrode – die linke steuert die rechte Körperhälfte und umgekehrt. Mit einer App auf dem Steuerungsgerät kann ich die einzelnen Elektroden ansteuern und einstellen. Damit lässt dich die Stromstärke auf den Elektroden verringern oder erhöhen.
Wenn ich jetzt hier zum Beispiel die Stromstärke erhöhen… jetzt kommt ein bisschen mehr Strom drauf, und ich habe den Eindruck, dass ich ein bisschen leichter verständlich bin.
Das ist unglaublich, das merk ich jetzt erst. Und wenn man es dann ausschaltet… versteht man mich nur noch schlecht.
Hier während der Behandlung hat das Team dann noch andere, genauere Möglichkeiten, auf die Elektroden zuzugreifen und sie einzustellen. Da kann man z.B. einen neuen Bereich der Stromstärke einstellen.«
Für wen eignet sich so ein Gerät? Gibt es Voraussetzungen oder Kontraindikationen?
Dr. Wächter: »Ob ein Hirnschrittmacher für einen Betroffenen geeignet ist, muss natürlich immer im Einzelfall abgeklärt werden. Indikationen sind ein starker Tremor und zunehmende Wirkungsfluktuationen, d.h. dass die Wirkung der Parkinson-Medikamente nicht mehr so gleichmäßig anhält wie zu Beginn des Krankheitsverlaufs.
Gegen einen Hirnschrittmacher sprechen insbesondere ein hohes Alter (über 75 Jahre), kognitive Beeinträchtigungen oder schwere internistische Vorerkrankungen.«
Klaus Wirnitzer: »Das Ziel mit dem Ding ist ja, dass man die Medikamente verringert. Das war auch bei mir so. Am Anfang, als es eingepflanzt worden ist, habe ich überhaupt keine Medikamente mehr gebraucht. Mittlerweile sind wieder Medikamente dazugekommen, und es ist natürlich auch die Gefahr da, dass ich immer mehr Medikamente nehmen muss. Gerade merk ich z.B., dass meine Tabletten wieder nachlassen, mir fällt die Artikulation wieder schwerer.«
Wie sieht langfristig das Leben mit einem Hirnschrittmacher aus? Muss er sozusagen »gewartet« werden?
Dr. Wächter: »Die Stimulation muss immer wieder angepasst werden, das ist auch Teil der Parkinson-Komplextherapie beim Passauer Wolf. Je nach Model muss ggf. nach ca. fünf Jahren ein Batteriewechsel erfolgen. Das ist jedoch nur ein sehr kleiner Eingriff.«
Klaus Wirnitzer: »Der Hirnschrittmacher ist bei mir meistens ausgeschaltet. Ich habe ihn jetzt so eingestellt, damit wir miteinander sprechen können, und zu Hause ist er meistens im Schrank. Ich habe einen Pass dafür, da sind alle Daten drin. Das wird dann auch wichtig, wenn ich verreise. Ich sehe hier auf dem Steuerungsgerät auch, wie lange die Batterie noch hält. In der Regel fünf Jahre, hier sieht man jetzt noch drei Jahre. Das ist beruhigend. Ist wie beim Herzschrittmacher auch, da muss man ja auch Batterien wechseln.«
Herr Wirnitzer, wie war es, als der Schrittmacher zum ersten Mal eingeschaltet wurde?
Klaus Wirnitzer: »Sie kennen Asterix? Die Zeitschriften? Die haben ja diesen Zaubertrank, und wenn die den trinken, dann wird das ja so dargestellt mit diesen Sternchen und allem. Und genau so habe ich mich auch gefühlt, so wie ein ›bing!‹. Ich fühlte mich viel aufmerksamer. Es hilft schon sehr.«



