Skip links

Fragen an Dr. med. Julian Reiß zur urologischen Rehabilitation

Im Passauer Wolf Reha-Zentrum Nittenau werden Betroffene nach einer Operation oder bei urologischen Funktionsstörungen im Rahmen einer spezialisierten urologischen Rehabilitation mit einem breiten Spektrum interdisziplinärer Therapiemaßnahmen und Patientenschulungen unterstützt. Welche Behandlungen noch Teil der Reha sind, warum Warnsignale immer ernst genommen werden sollten und was Mann für die Gesundheit seiner Prostata tun kann, erklärt uns Dr. med. Julian Reiß, leitender Oberarzt der Urologie und Onkologie im Passauer Wolf Nittenau.

Welche Warnsignale können auf eine Erkrankung der Prostata hindeuten – und ab wann sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen?

Typische Symptome sind beispielsweise ein zunehmend häufiger, auch nächtlicher Harndrang, ein abgeschwächter Harnstrahl oder starkes Drangempfinden, bei dem nur geringe Mengen Urin abgehen. Die umgangssprachlichen »Prostatabeschwerden« werden in vielen Fällen durch das sogenannte »benigne Prostatasyndrom« verursacht, das auf gutartige altersbedingte Strukturveränderung der Prostata und Anpassungsmechanismen der Harnblasenmuskulatur zurückzuführen ist. Solche Beschwerden sollten möglichst frühzeitig mit einem Urologen besprochen und die Ursachen untersucht werden. Besonders wichtig: Sollten sich Veränderungen im Urin zeigen – insbesondere Blutabgang über die Harnröhre bzw. den Urin – sollte ebenfalls dringend ein Urologe aufgesucht werden.

Wie wichtig ist die Vorsorgeuntersuchung und ab welchem Alter sollte Mann sie wahrnehmen?

Zunächst ist es wichtig, den umgangssprachlichen und etwas irreführenden Begriff »Vorsorgeuntersuchung« in Bezug auf das Prostatakarzinom zu klären. Der Begriff lässt fälschlicherweise den Eindruck entstehen, dass regelmäßige Untersuchungen die Entstehung eines Prostatakarzinoms verhindern können. Das ist leider nicht der Fall. In der Urologie sprechen wir daher von einer »Krebsfrüherkennungsuntersuchung«. Ziel ist es, potenziell aggressive Tumorerkrankungen im asymptomatischen Stadium (noch bevor Symptome auftreten) zu erkennen. So kann durch die rechtzeitige Behandlung einer weiteren Ausbreitung und Beschwerden durch die lokale Tumorausbreitung entgegengewirkt werden.

Unglücklicherweise verbleiben auch aggressiv verlaufende Prostatakarzinomerkrankungen häufig für lange Zeit ohne Symptome. Anzeichen wie Rückenschmerzen (durch Knochenmetastasen) oder Schwellungen in den Beinen (aufgrund von Lymphknotenmetastasen) entstehen in der Regel erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien. Sich nur auf die eigene Körperwahrnehmung bzw. das Auftreten von Symptomen zu verlassen, kann die Diagnose eines Prostatakarzinoms daher deutlich verzögern und eine erfolgreiche Therapie erschweren. Um ein Prostatakarzinom in einem frühen Stadium zu entdecken, ist eine Früherkennungsuntersuchung daher entscheidend und wird allen Männern ab dem 45. Lebensjahr angeboten.

Viele Männer haben Angst vor der Untersuchung: Was passiert wirklich – und warum gibt es keinen Grund, Angst zu haben?

Zunächst sollte sich ein Mann ab dem 45. Lebensjahr von einem Urologen über die Vor- und Nachteile der Früherkennungsuntersuchung sowie die möglichen Bestandteile beraten lassen. So können Ängste oder eventuell falsche Erwartungen ausgeräumt und eine gegenseitige Vertrauensbasis geschaffen werden. Die von manchen Männern als unangenehm empfundene digital-rektale Untersuchung – also das Abtasten der Rückseite der Prostata durch den After – wird in der aktuellen Leitlinie nicht mehr empfohlen. Stattdessen wird das prostataspezifische Antigen (PSA) stärker in den Fokus der Früherkennung gerückt. Der PSA-Wert kann durch einen Bluttest bestimmt werden. Anhand der Höhe und der Veränderung des PSA-Wertes kann das Risiko eingeschätzt werden, an einem Prostatakarzinom zu leiden oder zu erkranken.

Leider übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Bestimmung des medizinisch sinnvollen PSA-Wertes nicht, obwohl er in der ärztlichen Leitlinie betont wird. Die Untersuchung ist nur als individuelle Gesundheitsleistung (IGel) verfügbar. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen für die Früherkennungsuntersuchung umfassen derzeit eine klinische Untersuchung des Abdomens und des äußeren Genitals sowie optional die digital-rektale Untersuchung. Sollte sich im Rahmen der Früherkennungsuntersuchung ein auffälliger Befund zeigen, können weiterführende Untersuchungen, wie eine Sonographie des Harntraktes und der Prostata oder eine multiparametrische MRT der Prostata, zum Einsatz kommen. Auch hierzu berät der behandelnde Urologe vor Ort.

Wie läuft die urologische Rehabilitation nach einer Prostataerkrankung im Passauer Wolf Nittenau ab? Welche Behandlungsmöglichkeiten werden den Betroffenen geboten?

Die meisten Patienten kommen in der Regel zur stationären Rehabilitation nach einer radikalen Prostatektomie – einer vollständigen operativen Entfernung der Prostata aufgrund des Karzinombefalls – zu uns. Nach dem Eingriff ist die Beckenbodenmuskulatur der Patienten oft überfordert, da sie nun ohne die Unterstützung der Prostata für die vollständige Harnkontinenz (Halten des Urins) verantwortlich ist und sich erst an die veränderten anatomischen Gegebenheiten anpassen muss. Im Zentrum der Therapie stehen daher eine Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur durch intensives Training. Zudem wird den Patienten beigebracht, ihre Wahrnehmung zu schulen und diese Muskelgruppe bewusst zu aktivieren, da sie diese zuvor oft nur unbewusst genutzt haben. Auch die Übertragung der Trainingsinhalte in alltägliche Situationen und Belastungen wird intensiv vermittelt.

Darüber hinaus erhalten die Patienten regelmäßige Lymphdrainage und Physiotherapie und es finden Kraft- und Ausdauertraining unter Schonung des Beckenbodens an Geräten und speziell hierfür geeigneten Ergometern statt. Zudem kommen Elektrotherapie, Rückenschule und Ernährungsberatung zum Einsatz. Die Patienten nehmen darüber hinaus an unterschiedlichen Schulungen und Anwendungen teil, die sich mit Körperwahrnehmung und Entspannungsverfahren beschäftigen. Außerdem erhalten sie eine Beratung zu Hilfsmitteln, darunter Biofeedback-Geräte, die dabei helfen, die Wahrnehmung der Beckenbodenmuskulatur zu verbessern. Zusätzlich sind auch allgemein wohltuende Anwendungen wie Fango- und Hydrojet-Massagen Teil des Behandlungsprogramms.

Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt ist die Krankheitsbewältigung, die nach einer Tumordiagnose und operativen Therapie auch bei erfolgreicher Behandlung ausreichend Zeit und Raum benötigt. Hierzu erfolgt eine psychoonkologische Unterstützung der Patienten mit Vorträgen sowie Gruppen- und Einzelsitzungen. Von ärztlicher Seite erfolgen neben regelmäßigen Visiten und postoperativen Kontrolluntersuchungen auch Schulungen der Patienten über spezielle Themen zum Prostatakarzinom sowie über generelle gesundheitliche Aspekte. Da auch die Potenz infolge des operativen Eingriffes Schaden nehmen kann, werden die Patienten ärztlich über medikamentöse sowie anderweitige Behandlungsoptionen der erektilen Dysfunktion beraten.

Die stationäre Rehabilitation nach einer radikalen Prostatektomie oder nach einer Bestrahlung der Prostata ist somit ein komplexes Konstrukt, das viele therapeutische Fachrichtungen vereint. Aufgrund der Häufigkeit der Erkrankung und der steigenden Anfragen nach stationären Reha-Plätzen wurde die Bettenkapazität im Passauer Wolf Reha-Zentrum Nittenau von rund 15 Betten auf aktuell 30 bis 35 Betten gesteigert.

Der Passauer Wolf Nittenau kooperiert mit dem Caritas-Krankenhaus St. Josef. Wie sieht die Zusammenarbeit aus und inwiefern profitieren Patienten von dieser Partnerschaft?

Mit dem Caritas-Krankenhaus St. Josef und dem dortigen Lehrstuhl für Urologie der Universitätsklinik Regensburg besteht seit vielen Jahren eine vertrauensvolle Kooperation. Urologische Patienten in unserem Reha-Zentrum werden nicht nur vom klinikinternen Ärzte-Team betreut, sondern auch von einem erfahrenen Prostata-Operateur aus dem Krankenhaus St. Josef regelmäßig visitiert. Somit kann die postoperative Versorgung weiter optimiert werden und Patienten erhalten aus erster Hand hochqualifizierte Auskünfte über alle Aspekte der operativen Therapie des Prostatakarzinoms sowie den postoperativen Verlauf.

Was kann Mann selbst tun, um die Prostata möglichst lange gesund zu halten?

Leider existieren trotz vieler Werbeversprechen keine wirksamen »Wundermittel« gegen Alterserscheinungen der Prostata und die damit verbundenen Veränderungen und Risiken. Die Empfehlungen der internationalen Fachgesellschaften beziehen sich daher auf eine allgemeine Gesundheitsfürsorge und belaufen sich auf folgende Punkte: Streben Sie ein gesundes Körpergewicht an, seien Sie regelmäßig körperlich aktiv, ernähren Sie sich gesund mit vor allem pflanzlichen Produkten und konsumieren Sie möglichst wenig Alkohol. Diese Strategien können dabei helfen, den gesamten Körper möglichst lange gesund und leistungsfähig zu erhalten und zahlreiche Erkrankungen zu verhindern oder abzumildern.