Fragen an Physiotherapeutin Simone Hein zu VR-gestütztem Training im Passauer Wolf
Simone Hein ist Physiotherapeutin im Passauer Wolf Bad Gögging und unterrichtet an der Passsauer Wolf Berufsfachschule für Physiotherapie. In ihrer Bachelorarbeit hat die Dreifachmama untersucht, ob Virtual-Reality-gestütztes Training eine effektive Ergänzung zur Physiotherapie für Kinder mit Infantiler Zerebralparese (ICP oder CP) – eine nicht-fortschreitenden Bewegungsstörung, die durch eine Schädigung des unreifen Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt entsteht – darstellt. In einem Interview erzählt sie uns, ob sich ihre Ergebnisse auch auf Erwachsene übertragen lassen und welche Rolle VR im Passauer Wolf spielt.
Wie wird VR im Reha-Alltag im Passauer Wolf eingesetzt?
Simone Hein: Im Reha-Alltag nutzen wir verschiedene VR- und technologiegestützte Systeme als Ergänzung zur klassischen Physiotherapie. Dazu zählen u. a. Geräte für gezieltes Gleichgewichts- und Rumpftraining sowie Anwendungen zur Förderung von Hand- und Greiffunktionen. Zusätzlich setzen wir bewegungsgesteuerte, spielerische Programme ein, die Motivation, Koordination und Bewegungsvielfalt fördern. Der Mehrwert liegt weniger im einzelnen Gerät als in der Anwendung: Übungen werden intensiver, variabler und durch direktes Feedback nachvollziehbarer. VR erweitert die Therapie – sie ersetzt sie nicht.
Ihre Arbeit bezieht sich auf Kinder mit infantiler Zerebralparese (ICP). Welche Wirkmechanismen sind auf Erwachsene übertragbar?
Simone Hein: Übertragbar sind aus meiner Sicht die grundlegenden Wirkmechanismen der Rehabilitation: häufige Wiederholung, aufgabenspezifisches Üben, direktes Feedback und angepasste Schwierigkeit. Genau hier kann Virtual Reality therapeutisch auch für erwachsene Patienten interessant sein. Bewegungen werden in motivierende, alltagsnahe Aufgaben eingebettet, so dass sie direkt eine visuelle oder akustische Rückmeldung erhalten. Dies kann die aktive Mitarbeit und die Übungsintensität erhöhen. Für Erwachsene gilt aber: Der Transfer ist fachlich plausibel, sollte jedoch nicht pauschal behauptet werden.
Sehen Sie Parallelen zu neurologischen Erkrankungen im Erwachsenenalter (z. B. Schlaganfall, MS, Parkinson)?
Simone Hein: Ja, vor allem bei den funktionellen Einschränkungen, wie z. B. Gleichgewicht, Koordination und Haltungskontrolle. Genau hier setzen Physiotherapie und damit auch VR-gestützte Trainingsformen an. Studien aus der neurologischen Rehabilitation von Erwachsenen zeigen, dass VR in den Bereichen Gleichgewicht und funktionelle Aktivität positive Effekte haben kann. Gleichzeitig sollte man die Unterschiede nicht außer Acht lassen: Während es sich bei der ICP um eine frühkindliche, nicht fortschreitende Schädigung des Gehirns handelt, liegen bei Erwachsenen oft erworbene oder fortschreitende Erkrankungen vor. Auch Faktoren wie Alter, Kognition oder Fatigue spielen eine größere Rolle. Der Transfer ist sinnvoll, muss aber individuell bewertet werden.
Gibt es Aspekte Ihrer Ergebnisse, die sich nicht auf Erwachsene übertragen lassen – und welche Rolle spielt dabei die spielerische Motivation durch VR?
Simone Hein: Ein zentraler Unterschied liegt in der Motivation. Kinder reagieren oft stark auf spielerische Inhalte, während für Erwachsene entscheidend ist, ob Übungen als sinnvoll und alltagsnah erlebt werden. Auch die Lernvoraussetzungen unterscheiden sich: Kinder entwickeln motorische Fähigkeiten noch, Erwachsene arbeiten meist mit bestehenden Bewegungsmustern oder Kompensationen. Wichtig ist außerdem: Der Effekt von VR entsteht nicht durch das Spiel an sich, sondern durch intensiveres und aktiveres Üben. VR kann die Beteiligung erhöhen, mehr Wiederholungen ermöglichen und das Training abwechslungsreicher machen. Wenn Patienten die Therapie als angenehm und sinnvoll erleben, steigt die Bereitschaft, regelmäßig mitzuarbeiten – ein entscheidender Faktor für den Erfolg. Der Effekt ist damit grundsätzlich vergleichbar, entsteht bei Erwachsenen aber über andere Zugänge. Verbesserungen im Training lassen sich zudem nicht automatisch auf den Alltag übertragen – das gilt für Kinder wie für Erwachsene.
Für welche Patientengruppen ist VR geeignet – und wann eher nicht?
Simone Hein: VR-gestützte Therapie eignet sich besonders für Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, MS oder Parkinson sowie bei Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen. Entscheidend ist nicht die Diagnose, sondern die funktionellen Probleme wie Gleichgewicht, Koordination oder Bewegungssteuerung. Gerade hier kann VR durch gezieltes Feedback, hohe Wiederholungszahlen und ein sicheres Trainingsumfeld einen Mehrwert bieten. Gleichzeitig ist nicht jede Form von VR für jeden Patienten gleichermaßen geeignet. Bei kognitiven Einschränkungen kommt es stark auf die Gestaltung der Anwendung an. Während komplexe oder schnell wechselnde Inhalte überfordern können, zeigen Studien, dass einfache, klar strukturierte Aufgaben auch bei älteren oder leicht kognitiv eingeschränkten Patienten positive Effekte auf Mobilität und Gleichgewicht haben können. Einschränkungen können sich zudem durch visuelle Probleme ergeben, da viele Anwendungen stark über optische Reize gesteuert sind. Auch die körperlichen Voraussetzungen spielen eine Rolle, wobei moderne Systeme häufig auch Training im Sitzen oder in gesicherten Settings ermöglichen. Vorsicht ist bei Patienten mit ausgeprägtem Schwindel geboten, da bestimmte VR-Anwendungen Symptome verstärken können. Gleichzeitig kann VR – gezielt eingesetzt – auch Teil eines therapeutischen Ansatzes sein, etwa im Rahmen eines Schwindeltrainings, bei dem kontrollierte Reize gesetzt werden, um Anpassungsprozesse zu fördern. Voraussetzung ist hierbei jedoch eine sorgfältige Dosierung und ein sicheres Setting. Entscheidend sind daher immer die individuelle Auswahl und Anpassung. VR ist ein vielseitiges Werkzeug, aber nur dann sinnvoll, wenn es zum jeweiligen Patienten und Therapieziel passt.
Welche Rolle wird VR künftig in der Physiotherapie spielen?
Simone Hein: VR wird an Bedeutung gewinnen – als Ergänzung, nicht als Ersatz. Sie ermöglicht gezielteres Training, messbare Fortschritte und mehr Motivation. Die Grundlage bleibt die physiotherapeutische Expertise: Befund, Planung und persönliche Betreuung. Die Zukunft liegt in der Kombination aus klassischer Therapie und moderner Technologie. Gleichzeitig braucht es weitere Studien, um Nutzen und Langzeiteffekte besser zu belegen.



