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Fragen an Stephan Graeber, Chefarzt der Geriatrie und Neurologie im Passauer Wolf Nittenau, über das Trinken im Alter

Flüssigkeitsmangel kann bei älteren Menschen oft unbemerkt und rasch bedrohliche Ausmaße für die Gesundheit annehmen und unter anderem zu Austrocknung (Dehydration und Exsikkose) führen. Stephan Graeber ist Chefarzt der Geriatrie und Neurologie im Passauer Wolf Nittenau. Er erklärt uns, warum es gerade im Alter wichtig ist, ausreichend zu trinken und welche Folgen Flüssigkeitsmangel bei Senioren haben kann. Zugleich gibt er Tipps für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. 

Warum ist das Trinken im Alter wichtig?

Stephan Graeber: Der Körper eines Erwachsenen enthält 50 bis 60 Prozent Wasser. Mit zunehmendem Alter nimmt der Wassergehalt des Körpers ab. Konsequenzen hieraus sind unter anderem verminderte Flüssigkeitsreserven und frühzeitiges Auftreten von Symptomen bei zu geringer Flüssigkeitszufuhr. Die tägliche Flüssigkeitszufuhr gleicht die Flüssigkeitsverluste durch Urin, Stuhl, Schweiß und Atmung aus und sichert die Nierenfunktion (Ausscheidung und Entgiftung).

Wie viel sollten Senioren täglich trinken?

Stephan Graeber: Als Faustregel gilt für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr gesunder Senioren 30 ml pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Bei normaler Ernährung wird ein Drittel des Flüssigkeitsbedarfs über die feste Nahrung gedeckt, sodass der Mindestbedarf an Getränken bei durchschnittlicher Ernährung bei 20 ml/kg/d liegt (Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung). Das bedeutet, dass ein 75 Kilogramm schwerer Mensch 1,5 Liter pro Tag trinken sollte.

Laut einer Studie von Volkert und Mitarbeitern von 2005 erreicht ein Drittel der älteren Menschen diese Trinkmenge nicht, wobei je älter die Menschen waren, desto weniger nahmen sie Flüssigkeit zu sich (bei 65 bis 74-Jährigen 33 Prozent, bei über 84-Jährigen 51 Prozent).

Welche Auswirkungen hat ein Flüssigkeitsdefizit im Alter?

Stephan Graeber: Mit zunehmendem Alter lässt das Durstgefühl nach, der ältere Mensch tendiert spontan zu einer eher geringen Flüssigkeitsaufnahme. Wird dann auch noch ein Diuretikum (»Wassertablette«) in der Dauertherapie der Herzinsuffizienz eingesetzt oder besteht eine kognitive Störung, eine Diabetes mellitus oder ein Infekt mit Fieber oder Durchfall und/oder Erbrechen, kommt es im Alter rasch zu einer Exsikkose oder Dehydratation, den Zustand von Flüssigkeitsmangel. Manche älteren Menschen vermeiden auch das Trinken, wenn eine Harninkontinenz vorliegt, um nicht so häufig Wasser lassen zu müssen.

Klinische Zeichen der Exsikkose sind zunehmende körperliche Schwäche und die Verschlechterung der Kognition (Denkvermögen, Aufmerksamkeit). Bei der Untersuchung findet man dann beim Patienten oft stehende Hautfalten, trockene Mundschleimhaut, Schluck- und Sprachstörungen, erhöhten Puls, Blutdruckabfall, Schwindel beim Aufstehen bis hin zum Kollaps oder Schläfrigkeit oder Verwirrtheit, dunklen Urin. 

In schweren Fällen muss zum Ausgleich einer Exsikkose eine Krankenhauseinweisung erfolgen, wo dann über Infusionen der Flüssigkeitshaushalt vorsichtig ausgeglichen wird.

Welche Tipps und Tricks helfen Senioren, damit sie ausreichend trinken?

Stephan Graeber: Die wichtigste Maßnahme zur Verhinderung einer Dehydratation ist die kontinuierliche Sicherstellung einer bedarfsgerechten Flüssigkeitszufuhr. Dabei ist die Aufstellung eines Trinkplans oft hilfreich. Hier sollten nicht nur ausreichende Mengen an Getränken angeboten werden, sondern auch individuelle Vorlieben berücksichtigt werden. Insbesondere bei kognitiv beeinträchtigten Patienten hilft eine regelmäßige verbale Aufforderung zur Flüssigkeitsaufnahme, um die Flüssigkeitsaufnahme bei diesen Menschen zu steigern.

Aufpassen sollte man bei Vorliegen einer Herzinsuffizienz oder schweren Niereninsuffizienz. Hier kann es bei zu rascher Flüssigkeitsaufnahme größerer Trinkmengen zu einer Überlastung mit Flüssigkeit kommen. Daher sollte man auch regelmäßig das Gewicht bestimmen, wobei eine rasche Zunahme in der Regel auf einer Wassereinlagerung beruht.

Einfach ist es zum Beispiel, morgens eine Flasche Wasser auf den Tisch zu stellen, die abends geleert sein muss. Auch empfiehlt es sich, den größten Anteil der täglichen Flüssigkeitsmenge vormittags bzw. bis in die frühen Nachmittagsstunden zu sich zu nehmen, um nachts dann nicht so häufig auf die Toilette zu müssen.