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Porträt von Dr. Franz Marxreiter

Gehen neu erlernen: Ein Interview mit PD Dr. med. Franz Marxreiter

Gehen ist mehr als nur Fortbewegung – es ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Muskelkraft, Gleichgewicht, neuronaler Steuerung und Sinneswahrnehmung. Bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall ist genau dieses Zusammenspiel oft gestört – mit spürbaren Folgen für Mobilität und Lebensqualität. Wie helfen wir im Passauer Wolf Betroffenen gezielt dabei, das Gehen wieder zu erlernen? Und welche neuen Technologien und Methoden unterstützen uns dabei? Diese und weitere Fragen haben wir PD Dr. med. Franz Marxreiter, Leitender Oberarzt der Neurologie im Passauer Wolf Bad Gögging, gestellt.

Welche Tests und technische Hilfsmittel werden im Passauer Wolf Bad Gögging eingesetzt, um den Gang von Patienten genauer zu analysieren?

PD Dr. med. Franz Marxreiter: Die Untersuchung des Gangs mittels spezieller Tests wie dem »timed up and go«, dem »20m Gehtest« oder dem »2min Gehtest« sind Standard-Assessments im Rahmen der Parkinson Komplexbehandlung oder der Rehabilitation. Wir nutzen während der Durchführung dieser Tests bei unseren Parkinson-Patienten das sensorbasierte Ganganalysesystem »Mobile Gait Lab Clinic« der Firma Portabiles Health Care technologies (siehe Bilder unten). Durch dessen Nutzung erhalten wir detailliertere und objektive physikalische Parameter, wie z. B. Schrittgeschwindigkeit oder Höhe der Fußhebung, die dabei helfen, den Zustand des Gangbildes des Patienten präziser zu charakterisieren.

Welche neurologischen Erkrankungen beeinflussen das Gangbild besonders stark?

PD Dr. med. Franz Marxreiter: Ein Großteil der neurologischen Erkrankungen geht mit einem veränderten Gangbild einher. Neben den am Standort Bad Gögging schwerpunktmäßig behandelten Bewegungsstörungen wie Parkinson, Huntington und Ataxien, sind insbesondere auch spastische Gangstörungen z. B. nach Schlaganfällen oder bei einer Multiplen Sklerose zu nennen. Auch Schäden am peripheren Nervensystem, z. B. durch Neuropathien, führen zu einer Verschlechterung des Gangbildes.

Welche Methoden und Therapien setzen Sie ein, um das Gehen bei Patienten wieder zu erlernen bzw. zu verbessern? Besonders bei Parkinson-Patienten?

PD Dr. med. Franz Marxreiter: Welche Therapien und Methoden eingesetzt werden, hängt stark vom zugrundeliegenden Krankheitsbild ab – und natürlich von der individuellen Situation des Patienten. Nach einem Schlaganfall zum Beispiel versuchen wir, erhaltene Bewegungsfähigkeiten zu stärken und neue Strategien zu erlernen, um bleibende Einschränkungen auszugleichen. Bei Parkinson-Patienten ändert sich das Gangbild im Verlauf der Erkrankung teils mehrmals. Steht initial oft eine Arrhythmie (unregelmäßige Bewegung im Ablauf eines rhythmischen Vorgangs) des Gangs im Vordergrund, die durch Gangtraining im Rahmen der Einzelphysiotherapie und durch z. B. Nordic Walking sowie Anpassung der Medikamente gut zu behandeln ist, kommt es in späteren Stadien der Erkrankung oft zu Blockaden beim Loslaufen (Ganginitiierung) und Drehen sowie beim Passieren von Schwellen oder Engstellen. Dieses Phänomen nennt man Freezing. Hier erlernen unsere Patienten sogenannte »Cueing«-Techniken. Das sind Hilfen, mit denen sich der Körper wieder besser in Bewegung bringen lässt, z. B. durch Töne, visuelle Reize (Linien auf am Boden), Berührungen oder innere Konzentrationstechniken. Ein weiterer wichtiger Teil der Therapie ist das Training von Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit – gerade bei Parkinson, wo beides oft gestört ist. Dabei kommen moderne Hilfsmittel wie der Gangtrainer Lyra zum Einsatz. Diese Geräte helfen unseren Patienten, Bewegungsumfänge oberhalb ihres natürlichen Limits zu trainieren, und machen so auch bei schwerer Betroffenen ein sicheres, umfangreiches Training möglich.

Wie kann das Gelernte in den Alltag nach der Reha integriert werden?

PD Dr. med. Franz Marxreiter: Konzepte, die im Rahmen der Physiotherapie erlernt wurden, sollten im Anschluss an die Rehabilitation weiter fortgeführt werden. Teilweise bedarf dies noch ambulanter physiotherapeutischer Mitbetreuung. Viele Aspekte und Strategien können jedoch von den Patienten unter Mitwirkung der Angehörigen auch zu Hause eigenständig fortgeführt werden.