Im Gespräch mit Dr. med. Annette Klein: Schultererkrankungen gezielt rehabilitieren
Seit Januar 2023 ist Dr. Annette Klein Chefärztin die Orthopädie im Passauer Wolf Bad Gögging. Dort werden Patienten mit unterschiedlichsten Schultererkrankungen behandelt – von Beschwerden nach Sportverletzungen oder operativen Eingriffen bis hin zu degenerativen Erkrankungen, die die Beweglichkeit der Schulter deutlich einschränken. Ziel der interdisziplinären Therapie ist es, die Schulterfunktion gezielt zu verbessern und damit Mobilität und Lebensqualität nachhaltig zu steigern.
Im Interview erläutert die Ärztin, welche Schultererkrankungen im Passauer Wolf Bad Gögging häufig behandelt werden und welche modernen rehabilitativen Therapiekonzepte dabei zum Einsatz kommen.
Welche Krankheitsbilder im Bereich der Schulter werden im Passauer Wolf behandelt?
Dr. med. Annette Klein: Die meisten Patienten mit Schulterproblemen, die zur Rehabilitation zu uns kommen, hatten eine Operation im Bereich der Schulter aufgrund von unfallbedingten oder degenerationsbedingten Rissen im Bereich der Rotatorenmanschette. Danach ist eine längere Ruhigstellung der Schulter notwendig und die Patienten müssen während des Aufenthaltes bei uns die Schulter intensiv trainieren. Der andere Teil der Patienten hat eine Degeneration im Bereich der Schulter mit Abnutzung des Gelenkes, gegebenenfalls Einrissen der Rotatorenmanschette und Einschränkungen der Beweglichkeit. Auch diese Patientin benötigen intensive Therapien im Rahmen der Rehabilitation zur Verbesserung ihrer Schultergelenkbeweglichkeit.
Welche konservativen Therapiemöglichkeiten gibt es hierfür?
Dr. med. Annette Klein: Im Rahmen der konservativen Therapiemöglichkeiten stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung, die darauf abzielen, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern. Eine wichtige Rolle spielt die Physiotherapie, die verschiedene Komponenten umfasst. Die manuelle Therapie konzentriert sich auf die Mobilisation der Gelenke, um die Beweglichkeit zu fördern. Ergänzend dazu werden Kräftigungsübungen durchgeführt, um die Muskulatur der Rotatorenmanschette zu stärken. Dehnübungen helfen dabei, Verkürzungen zu beseitigen, während die Haltungsschulung darauf abzielt, Fehlhaltungen zu korrigieren, die die Schulter belasten könnten. Zusätzlich zur Physiotherapie kann eine medikamentöse Therapie angewendet werden. Die physikalische Therapie bietet weitere Methoden, wie Kälte- und Wärmeanwendungen zur Behandlung akuter Entzündungen oder chronischer Verspannungen. Elektrotherapie, insbesondere TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation), wird eingesetzt, um Schmerzen zu lindern. Darüber hinaus kommen Stoßwellen- und Ultraschalltherapie zur Verbesserung der Durchblutung und zur Förderung der Heilung zum Einsatz. Manuelle Anwendungen wie Massagen tragen dazu bei, Verspannungen zu lösen, während die Faszientherapie das Bindegewebe behandelt und Bewegungseinschränkungen reduziert. Im Rahmen der Infiltrationstherapien können Injektionen mit lokalen Betäubungsmitteln und Kortison in das Gelenk oder unter das Schulterdach verabreicht werden, um bei Erkrankungen wie Schleimbeutelentzündungen Schmerzlinderung zu erreichen. Orthopädische Hilfsmittel wie Schulterbandagen oder Orthesen können zur Stabilisierung und Entlastung der Schulter beitragen, während Taping, insbesondere in Form von Kinesiotaping, zur Unterstützung der Muskulatur und zur Verbesserung der Haltung dient. Schließlich spielen Ergonomie- und Lebensstil-Anpassungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Einige Beschwerden lassen sich durch optimierte Arbeits- und Schlafpositionen vermeiden, und eine Anpassung sportlicher Aktivitäten kann dazu beitragen, weitere Schäden zu verhindern.
Wann ist eine Reha bei Erkrankungen der Schulter und nach Schulter-OPs und – Verletzungen sinnvoll?
Dr. med. Annette Klein: Eine Rehabilitation nach einer Schulteroperation ist in vielen Fällen sinnvoll, um die Funktionalität der Schulter wiederherzustellen und Beschwerden langfristig zu minimieren. Bei einer Frozen shoulder, auch als Schultersteife bekannt, zielt die Rehabilitation darauf ab, die Mobilität schrittweise zurückzugewinnen und gleichzeitig Schmerzen zu lindern. Hierbei werden gezielte Übungen und Therapien eingesetzt, um die Gelenkbeweglichkeit allmählich zu verbessern. Nach einer Naht der Rotatorenmanschette muss das Schultergelenk für einige Wochen ruhiggestellt werden, danach ist die Beweglichkeit deutlich eingeschränkt. Die anschließende Reha trägt dazu bei, die Schulterfunktion zu regenerieren und die Beweglichkeit zu verbessern. Auch nach dem Einsetzen einer Schulterprothese ist eine Rehabilitation wichtig, um die Muskulatur zu kräftigen und die Beweglichkeit wiederherzustellen. Bei Stabilisierungsoperationen, wie sie beispielsweise nach einer Schulterluxation durchgeführt werden, spielt die Reha eine wesentliche Rolle in der Wiederherstellung der Schulterstabilität und der Kräftigung der Muskulatur. Und auch im Fall eines Impingement-Syndroms mit einer operativen subakromialen Dekompression ist eine gezielte Krankengymnastik nach der Operation notwendig, um die Beweglichkeit zu verbessern. Eine Rehabilitation kann sinnvoll sein bei ausgeprägten und anhaltenden Bewegungseinschränkungen trotz intensiver ambulanter Therapie.
Wie lange muss man nach einer OP warten, bis man mit der Reha beginnen kann?
Dr. med. Annette Klein: Der Beginn der Reha ist abhängig von der Operation und wird vom Operateur festgelegt. Nach geplanten Schulter-TEP-Implantationen beginnt die Reha meist sechs Wochen postoperativ, da in den ersten sechs Wochen postoperativ der betroffene Arm in einer Orthese ruhiggestellt wird und noch keine aktiven Übungen erlaubt sind. Nach offenen oder arthroskopischen Operationen mit Naht der Rotatorenmanschette ist ebenfalls eine Ruhigstellung der operierten Schulter in einer speziellen Orthese für sechs Wochen postoperativ notwendig, auch hier beginnt eine Reha meist sechs Wochen postoperativ. Nach Implantation einer inversen Schulter-TEP nach unfallbedingten Brüchen im Bereich des Oberarmkopfes beginnt eine Reha teils schon 10 bis 14 Tage nach OP, immer nach Vorgabe des Operateurs.
Welche Ziele werden in der Reha verfolgt?
Dr. med. Annette Klein: Am wichtigsten für den Lebensalltag der Patienten ist die Wiederherstellung der Beweglichkeit. Dazu muss die Muskulatur, insbesondere die Rotatorenmanschette und der Deltamuskel gekräftigt werden. Durch die Kombination der unterschiedlichen Therapien mit Behandlung der Weichteile erfahren die Patientin auch gleichzeitig eine Schmerzlinderung. Dies ist wichtig, um eine normale Funktion im Alltag erreichen zu können.
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