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Eine Frau mit lockigem Haar und Brille lächelt.

#inwolfed: »Mein Weg zum Passauer Wolf«

Wenn ich sagen müsste, wann meine Reise nach Deutschland begonnen hat, würde ich nicht den Tag nennen, an dem ich ins Flugzeug gestiegen bin. Sie begann viel früher – in dieser Mischung aus Neugier, Unsicherheit und dem Wunsch nach etwas Anderem, die mit der Zeit immer stärker wurde. Nach Deutschland zu kommen bedeutete Abschiede, Ängste und endlose bürokratische Prozesse, aber auch das Gefühl, mich auf etwas zuzubewegen, das ich mir schon lange gewünscht hatte.

Mein Name ist Natalia. Ich komme aus Argentinien und bin in einer Stadt im Süden des Landes aufgewachsen: San Carlos de Bariloche. Eine wunderschöne Stadt, umgeben von Seen, Bergen und viel Natur – ein Ort, den ich sehr liebe. In meiner Familie gibt es deutsche Wurzeln, weshalb die deutsche Sprache und einige Traditionen schon früh Teil meines Lebens waren. Außerdem habe ich eine deutsche Schule besucht, was mir im letzten Schuljahr die Möglichkeit gab, an einem Austausch teilzunehmen. Rückblickend glaube ich, dass genau dort – ohne es damals zu wissen – diese innere Neugier entstand, die mich Jahre später hierhergeführt hat.

Nach dem Schulabschluss stand ich vor meiner ersten großen Herausforderung: Ich zog von einer relativ kleinen Stadt nach Buenos Aires, um dort mein Studium zu beginnen. Dieser Schritt war nicht einfach. Die gewohnte Umgebung zu verlassen und mit 18 Jahren selbstständig zu werden, bedeutete viele Veränderungen, Emotionen und Herausforderungen. Zunächst begann ich ein Medizinstudium, stellte jedoch nach einigen Jahren fest, dass dies nicht mein Weg war. In dieser Phase lernte ich die Ergotherapie kennen. Es war ein Studiengang, den ich zwar kannte, aber noch nicht wirklich verstanden hatte. Schritt für Schritt begann ich, mich intensiver damit auseinanderzusetzen – und entwickelte eine echte Leidenschaft dafür. Wie in jedem Prozess gab es Höhen und Tiefen, Begeisterung und Frustration. Es war kein einfacher Weg, aber mit viel Einsatz, Ausdauer und der Unterstützung meiner Familie und Freunde konnte ich mein Studium erfolgreich abschließen. Der Moment, in dem ich mein Bachelor Diplom erhielt, war einer der bedeutendsten meines Lebens. Die Emotionen und der Stolz sind kaum in Worte zu fassen. Oft hatte ich daran gezweifelt, ob ich es schaffen würde. Deshalb war dieser Augenblick nicht nur ein Ziel, das ich erreicht hatte, sondern auch eine Bestätigung meiner eigenen Stärke.

Nach meinem Abschluss begann eine neue Phase: meinen beruflichen Weg zu finden. Auch hier hielt das Leben eine Überraschung für mich bereit. Ich fand meinen Platz im Bereich der neurologischen und orthopädischen Rehabilitation – ein Feld, das ich mir zu Beginn meines Studiums so nicht vorgestellt hatte, das mich jedoch vom ersten Tag an begeisterte. Ich hatte das große Glück, mit hervorragenden Fachkräften zusammenzuarbeiten – Ärzte, Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten – von denen ich sehr viel lernen durfte. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar.

Eines Tages, ganz unerwartet, stieß ich auf eine Möglichkeit, die mich diesem lang gehegten Wunsch näherbrachte. Die Bewerbungsgespräche begannen und entwickelten sich sehr schnell. Es folgten Formalitäten, Übersetzungen und eine lange Wartezeit. Anfangs war ich skeptisch, doch diese Skepsis verwandelte sich allmählich in Aufregung, Hoffnung und auch in Ängste. Die Wartezeit zog sich hin. Pläne änderten sich immer wieder, Antworten ließen auf sich warten und die Unsicherheit wuchs. Gleichzeitig war da aber auch diese innere Kraft, die mich weitermachen ließ. Schließlich kam die Nachricht: Das Flugticket war gebucht. Plötzlich wurde alles real.

Dann kamen die Abschiede – viele Abschiede. Umarmungen, Tränen und gute Wünsche. Familie und Freunde blieben zurück, doch ich wusste, dass sie mich auch aus der Ferne begleiten würden. Das Packen der Koffer war vielleicht einer der schwierigsten Momente. Jahre eines Lebens in zwei Koffern à 23 Kilogramm unterzubringen bedeutet auch, loszulassen: Gegenstände, Erinnerungen, einen Teil der eigenen Geschichte. Es ist ein Sprung ins Ungewisse – in der Hoffnung, dass es etwas oder jemanden gibt, der einen auffängt. In diesem Moment war ich besonders dankbar für meine Freunde, die mich begleitet und unterstützt haben. Und so stand ich nach neun langen Monaten – voller Ängste, mit wenigen Gewissheiten, aber mit vielen Hoffnungen – am 8. Februar – am internationalen Flughafen von Ezeiza. Dort war ich, mit meinen beiden Katzen Milo und Oli, meiner Mutter und meinen zwei Koffern, bereit für diesen neuen Abschnitt. Die Reise war lang und die Ankunft in Deutschland war von einer Mischung aus Gefühlen geprägt, die schwer zu beschreiben ist. Einerseits die Freude, endlich an dem Ort zu sein, der so lange nur ein Projekt gewesen war, andererseits die Orientierungslosigkeit, die entsteht, wenn man ganz von vorne beginnt.

Die ersten Tage waren sehr intensiv. Behördengänge, Bürokratie, die neue Sprache – alles war anders. Soziale Normen, Zeitstrukturen und Organisation. Selbst einfache Dinge wie Einkaufen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen oder administrative Aufgaben erledigen erforderten deutlich mehr Aufmerksamkeit und Energie als gewohnt. Es war, als müsste ich grundlegende Dinge neu lernen. An meinem ersten Arbeitstag im Passauer Wolf Bad Gögging kam ich mit vielen Fragen und Unsicherheiten an – und wurde von Menschen empfangen, die bereit waren, mich zu unterstützen und zu begleiten. Ich begegnete neuen Arbeitsweisen, Strukturen und Methoden, aber auch Kollegen, die Interesse an meiner Arbeitsweise, meinen Erfahrungen und meinem beruflichen Hintergrund aus Argentinien zeigten. Schon in der ersten Woche entstanden erste Begegnungsräume: Gespräche mit Hilfe von Übersetzungs-Apps, unvollständige Sätze, sprachliche Fehler – und dennoch ein echtes Bemühen, sich zu verstehen. Es gab einen Willkommenskuchen, kleine Gesten mit großer Bedeutung, und nach und nach entstanden persönlichere Gespräche, in denen ich Fotos und Erinnerungen aus meiner Heimat teilen konnte.

Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mit dem Herzen zwischen zwei Welten zu stehen: Einerseits der Austausch mit meiner Familie und meinen Freunden in Argentinien, andererseits die Öffnung für dieses neue Umfeld, mit dem Wunsch zu lernen und mich einzubringen. Mit der Zeit begann ich, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Trotz kultureller Unterschiede und sprachlicher Herausforderungen blieb die Essenz der Ergotherapie dieselbe: Menschen dabei zu begleiten, ihre Selbstständigkeit wiederzuerlangen, Bedeutung im Tun zu finden und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Ich begann, meine eigenen therapeutischen Ressourcen bewusster einzusetzen und deren Wirkung zu beobachten. Der Einsatz von Musik – sowohl deutscher als auch argentinischer –, interkulturelle Begegnungen im therapeutischen Kontext sowie kreative Ansätze wie die Nutzung von recycelten Materialien für Adaptationen eröffneten neue Möglichkeiten der Intervention.

Ich bin erst seit etwas mehr als einem Monat hier und dennoch habe ich das Gefühl, dass bereits viel passiert ist. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, von meinen Kollegen zu lernen und gleichzeitig meine eigenen Erfahrungen einzubringen. Der Austausch von Wissen, Perspektiven und Arbeitsweisen erweitert nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern auch den Blick auf die Menschen, mit denen wir arbeiten.

Fortsetzung folgt…