5 Fragen an: Dr. med. Daniel Utpadel-Fischler, Neurologe mit Spezialisierung auf Multiple Sklerose

(veröffentlicht am 19.10.2020)

Die Fachabteilung Neurologie beim Passauer Wolf Bad Gögging ist  neben der Parkinson-Komplexbehandlung auch auf die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose spezialisiert. Wir haben die Nutzer auf unserem Facebook-Kanal  gebeten, uns ihre Fragen zum Thema Multiple Sklerose zukommen zu lassen. Unser auf die Behandlung von Patienten mit MS spezialisierte Facharzt für Neurologie, Dr. med. Daniel Utpadel-Fischler, hat sich die Zeit genommen, sie zu beantworten. Zusammen mit dem Chefarzt der Neurologie Priv.-Doz. Dr. med. Tobias Wächter leitet Dr. med. Daniel Utpadel-Fischler die Behandlung von MS-Patienten beim Passauer Wolf Bad Gögging.

Was ist Multiple Sklerose eigentlich? Was passiert dabei im Körper?

Dr. med. Daniel Utpadel-Fischler: »Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten Erkrankungen des Zentralnervensystems und eine der führenden Ursachen für Behinderung bei jungen Menschen. In Deutschland leben mehr als 240.000 MS-Patienten, wobei Frauen ungefähr zwei- bis dreimal so häufig betroffen sind. Jährlich wird bei mehr als 10.000 Menschen MS neu diagnostiziert. Die Erkrankung beginnt in der Regel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Bei der MS handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, deren genaue Ursache noch unbekannt ist. Während es am Anfang der Erkrankung meist vor allem zu Entzündungsherden im Gehirn und Rückenmark kommt, herrschen im späteren Verlauf Degenerationsprozesse der Nervenzellen vor.«

Wie merkt man, dass man MS hat?

Dr. Utpadel-Fischler: »Bei der MS können sehr unterschiedliche Beschwerden auftreten. Viele Patienten erleiden eine Sehnerventzündung, die mit Sehminderung und Bewegungsschmerzen des Auges einhergeht, oder auch andere neurologische Ausfallserscheinungen, wie z.B. ein Taubheitsgefühl oder Lähmungserscheinungen. Außerdem kommen  z.B. Doppelbilder, Schwindel, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen nicht selten vor, ebenso kann auch die Blasenfunktion gestört sein. Bei der häufigsten Form der MS, der sog. schubförmig-remittierenden MS, treten diese Symptome typischerweise in Schüben auf und bilden sich wieder über Tage bis Wochen meist vollständig zurück.«

Wie wird MS diagnostiziert?

Dr. Utpadel-Fischler: »Letztlich muss die Diagnose einer MS durch eine eingehende Anamnese, neurologische Untersuchung und in der Regel weitere Zusatzuntersuchungen (z.B. MRT von Gehirn und Rückenmark und eine Untersuchung des Nervenwassers) durch einen Neurologen gestellt werden. Heute werden meist die sogenannten McDonald-Kriterien angewandt. Demnach müssen für die Diagnose die Kriterien der zeitlichen und räumlichen Dissemination erfüllt sein, d.h. ein Nachweis, dass die Erkrankung zu verschiedenen Zeitpunkten aktiv ist und sich in verschiedenen Regionen des Zentralnervensystems manifestiert. Wichtig ist, dass man andere Erkrankungen, die eine MS nachahmen können, ausschließt.«

Ist die Krankheit heilbar?

Dr. Utpadel-Fischler: »Zum Thema MS findet in Deutschland und weltweit sehr viel Forschung statt. In den letzten Jahren wurden viele neue Therapien entwickelt, die die Behandlung der MS deutlich verbessert haben. Abgesehen von experimentellen Ansätzen, die noch weiter erforscht werden müssen, ist eine „Heilung“ der MS gegenwärtig aber nicht möglich.

Inzwischen können aber viele  Patienten mit MS durch die neuen Therapiemöglichkeiten ein weitgehend normales Leben ohne relevante Einschränkung der Lebensqualität führen und dies bei gut eingestellter Therapie über viele Jahre bis ins hohe Alter, wo es oft zu einem „Ausbrennen“ der Erkrankung durch natürliche Alterungseffekte des Immunsystems kommen kann.«

Wie sieht eine Reha bei MS aus?

Dr. Utpadel-Fischler: »Nach einer genauen individuellen Erfassung der Beschwerden, erarbeiten wir gemeinsam und symptomorientiert mit Ihnen Therapieziele und daraus abgeleitete  Therapiestrategien, um die Beeinträchtigungen im Alltag zu reduzieren.

Der Schwerpunkt unserer Behandlung liegt auf dem Erhalt und dem Wiedererreichen der Selbstständigkeit. Eines der Ziele ist dabei, die eigene Gehfähigkeit und Mobilität zu erhalten bzw. wiederzuerlangen. Aber auch viele andere Therapieziele können im Fokus einer Rehabilitationsbehandlung stehen, z.B. die Verbesserung der körperlichen oder geistigen Fatigue, die Reduktion der Spastik oder die Verbesserung der Feinmotorik und der Koordination der Handfunktion.

Sie werden durch ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften in Form von Einzel- und Gruppentherapien betreut. Dabei werden Physiotherapie, Sporttherapie, Ergotherapie, Logopädie, Physikalische Therapie und Psychotherapie zu einem individuellen Behandlungsprogramm sinnvoll kombiniert. Zur Kontrolle des Behandlungserfolgs werden etablierte quantitative Parameter erhoben, wie z.B. die Messung der Gehstrecke auf Zeit. Neben den normalen Arztvisiten finden regelmäßige Termine bei einem MS-Spezialisten statt und es werden spezielle Schulungen wie Ernährungsberatung bei MS angeboten.

Bei Bedarf können Sie zusätzlich von weiteren interdisziplinären Kooperationen mit den Fachbereichen Innere Medizin, Urologie, HNO-Phoniatrie und Orthopädie profitieren. Ebenso ist eine Beratung durch den Sozialdienst möglich, um abzuklären, wie es nach der Reha weitergeht. Wir arbeiten eng mit MS-Selbsthilfegruppen zusammen und vermitteln Kontakte, damit Sie zu mehr Leichtigkeit in Ihrem Alltag finden und sich mit Betroffenen austauschen können.«