5 Fragen an: Schlaganfallexperte Dr. med. Oliver Meier

(veröffentlicht am 23.09.2020)

Unsere langjährige Erfahrung in der neurologischen Frührehabilitation lehrt uns: Ein Schlaganfall kann jeden treffen. Deshalb ist es auch wichtig, über das Thema informiert zu sein und im besten Fall sein eigenes Schlaganfallrisiko einschätzen zu können. Wir haben deshalb die Nutzer auf unserem Facebook-Kanal  gebeten, uns ihre Fragen zum Thema Schlaganfall zukommen zu lassen. Dr. med. Oliver Meier, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologie Passauer Wolf Bad Griesbach sowie Regionalbeauftragter der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, steht Rede und Antwort.

Wieso heißt ein Schlaganfall so? Woran erkenne ich ihn?

Dr. med. Oliver Meier: »Seinen Namen hat der Schlaganfall zu Recht: Er kommt ohne Vorwarnung, schlagartig. Auf einmal fühlt sich eine Körperhälfte oder auch nur ein Arm oder Bein taub an oder es kommt zu Lähmungserscheinungen. Gleichgewichtsstörungen treten auf oder Sprach- oder Sehstörungen. Bei solchen Symptomen gilt: Sofort die 112 wählen. Sagen Sie dem Rettungsdienst schon am Telefon, dass ein Schlaganfall-Verdacht besteht. Er ist dann auf den direkten Transport in Schlaganfall-Spezialstationen vorbereitet.«

Was sind die Ursachen?

Dr. Meier: »Zwei Ursachen lösen einen Schlaganfall aus: Bei 80 Prozent der Betroffenen verschließt ein Gerinnsel ein Blutgefäß, welches das Gehirn versorgt. Bei 20 Prozent ist eine Blutansammlung im Gehirn die Ursache, etwa durch ein geplatztes Blutgefäß. In beiden Fällen ist die Durchblutung des Gehirns massiv gestört. Nervenzellen werden nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt und beginnen abzusterben. Schnelle Hilfe ist extrem wichtig.«

Wie sieht eine Reha nach einem Schlaganfall aus?

Dr. Meier: »Der Übergang von der Versorgung im Krankenhaus in die Frührehabilitation (Phase B) erfolgt nahtlos. Die wichtigsten Ziele der Neurologischen Frührehabilitation sind vorhandene Fähigkeiten aufrecht zu erhalten, zu fördern bzw. verlorengegangene Fähigkeiten wiederzuerlangen. Neben der Frühmobilisation und aktivierenden Pflege spielt daher das Erlernen und Trainieren der Aktivitäten des täglichen Lebens eine große Rolle.

Ganz entscheidend ist es, frühzeitig mit einer gezielten Rehabilitation zu beginnen. Die intensive Behandlung umfasst in der Akutphase die Überwachung lebenswichtiger Funktionen wie umfassendes Monitoring, die apparative Verlaufsdiagnostik und die intensive medikamentöse Therapie.

Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten arbeiten während der Rehabilitation berufsübergreifend im Team, um bestmögliche Abläufe zu ermöglichen. Die pflegerische Betreuung - beispielsweise im Rahmen der neurologischen Frührehabilitation - reicht von der Intensivpflege und basaler Stimulation bis zur therapeutischen-Pflege und beinhaltet auch das Wundmanagement. Orientierend an den Fähigkeitseinschränkungen kombinieren wir die Behandlungen, darunter Physio- und Ergotherapie, Physikalische Therapien sowie die Neuropsychologie und Psychologie.«

Habe ich ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko, wenn ich bereits vorerkrankt bin, z.B. Diabetes habe?

Dr. Meier: »Bei den Risikofaktoren für einen Schlaganfall unterscheidet man Lebensstil-bedingte Faktoren wie z.B. Rauchen, hohen Alkoholkonsum, Übergewicht, Fehlernährung, Bewegungsmangel oder psychosozialen Stress und Depressionen gegenüber klinischen Faktoren wie einer Erkrankung mit Diabetes mellitus, ungünstigen Blutfettkonstellationen, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen.

Wenn bei Ihnen einer oder mehrere dieser Risikofaktoren diagnostiziert werden, dann ergibt sich daraus eine Notwendigkeit zur Veränderung des persönlichen Verhaltens gegenüber der eigenen Gesundheit. Denn ca. 70% aller Schlaganfälle gelten als vermeidbar, wenn man einen persönlichen Beitrag leistet mit z.B. 30 Minuten Bewegung und Sport pro Tag, gesunder Ernährung, dem Verzicht auf Nikotin, der Gewichtsregulation, dem besonnene Umgang mit Alkohol oder auch einer Kompensation und einem bewussten Umgang mit Stress, insbesondere des Tages- und Schlafrhythmus.

Festzuhalten bleibt, dass mit Abstand der gefährlichste und auch zum Teil verborgene Faktor in Deutschland der Bluthochdruck ist. Die Häufigkeit von Bluthochdruck steigt mit zunehmenden Lebensalter. In Deutschland hat fast jeder Dritte Bluthochdruck und die einzige Möglichkeit, das zu erfahren, liegt darin, den eigenen Blutdruck regelmäßig zu messen.«

Können auch Infektionen einen Schlaganfall auslösen?

Dr. Meier: »Infektionen im Körper führen zu Veränderungen hinsichtlich Körpertemperatur, dem Flüssigkeitshaushalt im Körper, den Veränderungen in der Blutzusammensetzung bis hin zu der Ausschüttung bestimmter Faktoren, die das Blutgerinnungssystem verändern. Diese können einen Schlaganfall begünstigen oder sogar auslösen. Infektionen können dies auf ganz unterschiedliche Weise tun.

Hierbei muss man unterscheiden, ob eine Infektion durch z.B. Bakterien oder wie auch aktuell durch eine Coronavirus-Infektion bedingt ist, oder durch autoimmune Prozesse, also solche Prozesse, bei denen der eigene Körper nicht mehr zwischen fremd und eigen unterscheiden kann und die Antikörper gegen körpereigene Strukturen bildet. Jegliche dieser Ursachen erhöht das Risiko auf einen möglichen Schlaganfall. Des Weiteren bleibt festzuhalten, dass - je nach Lebensalter - unterschiedliche Faktoren einen Rolle spielen. So muss man z.B. bei jüngeren Patienten mit Schlaganfällen und Infektionsauffälligkeiten intensive Blutuntersuchungen sowie auch weiterführende Spezialuntersuchungen durchführen, um seltenen Ursachen wie eine immunbedingte Entzündung der Gefäßinnenwände (Vaskulitis) auszuschließen. Daher gilt es, auch bei Allgemeinsymptomen, z.B. Fieber und körperlichen Beschwerden wie Muskelschmerzen in dieser Kombination, jedes Mal ernst zu nehmen. Dann ist körperliche Schonung sowie der Kontakt zum Hausarzt hinsichtlich der Abklärung möglicher Infektionen wichtig.«