5 Fragen an: Stephan Graeber, Chefarzt Neurologie und Geriatrie

(veröffentlicht am 10.02.2021)

Stephan Graeber, Chefarzt Geriatrie und Neurologie Passauer Wolf Nittenau, beantwortet Fragen zum Fachbereich Geriatrie.

Wenn ältere Menschen eine Reha antreten, benötigen sie eine Betreuung, die die Besonderheiten des Alters miteinbezieht. All diese Besonderheiten im Blick zu haben, ist Aufgabe des Fachbereichs Geriatrie. Stephan Graeber, Chefarzt Geriatrie und Neurologie beim Passauer Wolf Nittenau, beantwortet heute 5 Fragen zur geriatrischen Reha.

1. Was sind die besonderen Herausforderungen der Geriatrie?

Stephan Graeber: »Die Geriatrie beschäftigt sich mit Menschen höheren Lebensalters (in der Regel über 65 Jahre alt), die üblicherweise bedeutsame Mehrfacherkrankungen aufweisen und bei denen drohende oder bereits vorhandene funktionelle Einschränkungen bestehen. Ein wesentlicher Aspekt der Veränderungen, die das höhere Alter mit sich bringt, ist die sogenannte Gebrechlichkeit, d. h., ein Zustand verminderter Funktionsreserven beim alten Menschen. So kommt es häufig zu einem Verlust von Muskelmasse, die Senioren trinken oft zu wenig und infolge von Beeinträchtigungen in den Gelenken und des Nervensystems sowie des Sehvermögens besteht eine fortschreitende Einschränkung der Mobilität und eine erhöhte Sturzgefahr. 

Auch Mehrfacherkrankungen spielen im Alter eine größere Rolle: ein Patient bekommt beispielsweise mit 55 Jahren Diabetes, mit 65 Jahren Bluthochdruck, mit 73 erleidet er einen Schlaganfall und mit 79 Jahren treten Symptome einer Demenz auf. Keine der verschiedenen Krankheiten kann so behandelt werden, als ob es die anderen nicht gäbe. Darüber hinaus erhalten viele alte Patienten oft mehrere Medikamente, die für sich genommen zwar ihre Berechtigung haben, zusammen eingenommen aber untereinander Wechselwirkungen im Körper haben, die sich wiederum negativ auf den Patienten auswirken können.«

2. Was zeichnet eine geriatrische Reha aus? Welche Konzepte stehen hier besonders im Vordergrund?

Stephan Graeber: »Das Ziel einer geriatrischen Reha ist die Verbesserung oder der Erhalt der Selbstversorgungsfähigkeit, Verminderung der Hilfsbedürftigkeit sowie die Verhinderung der Pflegeabhängigkeit. Wir wollen also möglichst lange die Selbstständigkeit erhalten.

Wichtig dabei ist, mit dem Patienten ein Rehabilitationsziel zu erarbeiten. Dieses sollte realistisch auf die Kraftreserven, die der betagte Mensch hat, abgestimmt sein. Häufig ist die weitgehende Selbständigkeit im Alltag und Rückkehr ins häusliche Umfeld das Hauptziel. Dies kann dann z. B. durch das Erreichen eines ausreichend sicheren Gehvermögens mit Rollator und die Fähigkeit, Teppen zu steigen, sowie das Training alltagsrelevanter Tätigkeiten erreicht werden. Auch eine Sturzprophylaxe verhilft dem geriatrischen Patienten zu mehr Sicherheit.

Im Passauer Wolf Nittenau haben wir uns auf die Wiederherstellung bzw. Verbesserung der Mobilität spezialisiert, wir wollen die Kräfte und Energiereserven wecken, die im Patienten stecken. Dazu arbeitet ein Rehabilitationsteam aus Ärzten, Physio- und Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten, Medizinischen Trainingstherapeuten, Masseuren, Psychologen, Sozialdienst, Pflegedienst und Servicemitarbeitern eng mit dem Patienten zusammen. Durch das Angebot verschiedener medizinischer Fachdisziplinen, wie z. B. Neurologen, Orthopäden/Unfallchirurgen, Internisten und Urologen verfügen wir über ein umfangreiches Spektrum an Fachexpertise, die im Bedarfsfall zusammenarbeiten.« 

3. Warum ist es sinnvoll, auch die Psychologie in die Behandlung mit einzubeziehen?

Stephan Graeber: »Das höhere Alter ist ein Lebensabschnitt, der gekennzeichnet ist durch vermehrte gesundheitliche Beschwerden, nachlassende Vitalität, Verlust von Verwandten und Freunden sowie Beendigung gewohnter Abläufe wie der Arbeitstätigkeit. Stehen für diese Belastungen keine geeigneten Bewältigungsstrategien zur Verfügung, so können Gefühle der Ohnmacht, der Sinnlosigkeit und des Kontrollverlustes ausgelöst werden. Aufgrund dieser Ausgangslage ist es nicht überraschend, dass Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen im höheren Alter gehören.

Neben der Testung der kognitiven Fähigkeiten gehört deswegen auch eine Erfassung depressiver Störungen (z. B. mit der Geriatrischen Depressions-Skala) zur geriatrischen Rehabilitation. Im Bedarfsfall kann hier neben der medizinischen Behandlung eine unterstützende psychologische Gesprächsbegleitung erfolgen. Überdies erfolgt ein kognitives Training, z. T. am Computer, z. T. aber auch mittels schriftlicher Aufgaben oder spielerischen Denkrätseln.«

4. Welche Rolle nimmt die Pflege bei der geriatrischen Reha ein?

Stephan Graeber: »In der Pflege geriatrischer Patienten arbeiten Kranken- und Altenpflegekräfte therapeutisch gleichberechtigt miteinander im Sinne eines ganzheitlichen Pflegekonzeptes, orientiert an den Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des Betroffenen. Das Ziel ist, die Eigenständigkeit zu erhalten, zu fordern und zu fördern und somit die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. In den Passauer Wolf-Kliniken wird im Pflegebereich nach Expertenstandards gearbeitet. So sind beispielsweise ebenso ein spezielles gerontopsychiatrisches Konzept für leicht Demenz-Erkrankte als auch ein Wundmanagement mit sorgfältiger Behandlung und Verlaufsdokumentation etabliert.«

5. Wie werden Angehörige in die Behandlung miteinbezogen/beraten? Wie läuft dieser Kontakt in Zeiten von Infektionsschutzmaßnahmen und Lockdown ab?
Stephan Graeber: »Viele Angehörige übernehmen zu Hause den größten Teil der Pflege und Therapie der im Alltag oft auf Unterstützung angewiesenen geriatrischen Patienten. Diesen Angehörigen die Unterstützung zu geben, die sie benötigen, ist auch Teil der geriatrischen Reha.

Die gewohnten Kontakte sind gerade für ältere Menschen eine wichtige Stütze und Motivation während der Rehabilitation. Und als Angehöriger möchte man über den Behandlungsverlauf informiert sein und wissen, was man selbst zu einer raschen Genesung beitragen kann. 

Damit Angehörige immer auf dem Laufenden sind, besteht für sie jederzeit die Möglichkeit an den Team-Visiten teilzunehmen. Bei diesen Visiten trifft man die behandelnden Ärzte und Therapeuten gemeinsam an. Wir bieten Perspektiven und informieren zu den Behandlungsmöglichkeiten. Die aktuelle Pandemie stellt uns hier natürlich auch vor Herausforderungen. Wir haben aber Möglichkeiten eingerichtet, mit denen die Angehörigen auch weiterhin miteinbezogen werden können, auch wenn ein Besuch momentan nicht immer möglich ist. Die Zusammenarbeit mit den Angehörigen trägt dazu bei, die besten Lösungen für die Zeit nach der Rehabilitation zu finden.«