5 Fragen an: Tanja Hauner, Psychologin beim Passauer Wolf Ingolstadt

(veröffentlicht am 05.03.2021)

Experten aus der Psychologie beantworten unsere Fragen

Während einer Reha unterstützen Psychologen dabei, den Genesungsweg positiv zu beeinflussen. Denn körperliche und geistige Gesundheit hängen oft zusammen. Tanja Hauner, Psychologin beim Passauer Wolf Ingolstadt, beantwortet heute einige Fragen zu ihrem Fachgebiet.

1. Welche Rollen spielen Psychologen während einer Reha?

Tanaj Hauner: »Während der Reha sind Psychologen neben den anderen medizinisch-therapeutischen Maßnahmen eine wichtige Stütze, die den Patienten dabei hilft, mit ihrer Situation umzugehen. Für Einige ist dies oft der erste Kontakt zu einem Psychologen. Viele sind anfangs skeptisch und machen sich Sorgen, ob sie sich in den Gesprächen auch wirklich öffnen können. Und sind dann meist überrascht, wie sehr sie am Ende davon profitieren.

Unsere Aufgabe ist es hier, den Patienten auf Augenhöhe zu begegnen und eine vertrauensvolle Basis zu schaffen. Wir hören intensiv zu und vermitteln den Patienten einen anderen Blick auf die persönlichen Herausforderungen. Das geschieht u.a. in therapeutisch aufgebauten Einzel- und Gruppengesprächen, wir zeigen z.B. aber auch, wie verschiedene Entspannungsverfahren bei der Krankheitsbewältigung helfen.«

2. Welche Fragen und Probleme beschäftigen die Patienten am häufigsten? Und wie können Sie dabei helfen?

Tanja Hauner: »Um den Patienten effektiv helfen zu können, ist ein anfängliches Anamnesegespräch wichtig. Nur so können wir auf die individuelle Situation eingehen und uns intensiv mit Fragen und Problemen auseinandersetzen. Unser Ziel ist es also erstmal, den Patienten dort abzuholen, wo er gerade steht.

Der Prozess der Krankheitsverarbeitung stellt Patienten vor viele Herausforderungen. Hier wird meist unsere Unterstützung benötigt, um mit der Situation umgehen zu können. Zu diesen Herausforderungen zählen emotionale Störungen wie Angst oder Depressionen, aber auch Konflikte im sozialen Umfeld oder Probleme damit, die Erkrankung zu akzeptieren. Das alles kann den Genesungsverlauf beeinträchtigen.

Die psychologische Betreuung während der Reha hilft den Patienten dabei, Wege zu finden, um diese Probleme zu bewältigen. Denn Rehabilitation kann nur gelingen, wenn der Betroffene lernt, sich auf seine Erkrankung oder Behinderung angemessen einzustellen und sich die Zeit für seine Genesung zu nehmen.« 

3. Welche Impulse geben Sie den Patienten mit, die auch für Nicht-Patienten hilfreich sein können?

Tanja Hauner: »Wir unterstützen die Patienten bei der Krankheitsverarbeitung. Dazu gehört auch, zu erklären, wie körperliche Erkrankung und psychische Probleme zusammenhängen und sich gegenseitig verstärken können. Wir erarbeiten gemeinsam mit den Patienten Wege, wie sie ihren Lebensstil und ihre Lebensführung positiv verändern und ermutigen dabei, diese im Alltag umzusetzen. Vieles davon kann auch Nicht-Patienten dabei helfen, mit den Herausforderungen des Lebens besser umzugehen. Dazu gehören z.B. Strategien zur Stressbewältigung, wie Entspannungsverfahren, Atem- und Achtsamkeitsübungen. Auch die Schlafhygiene spielt eine große Rolle bei der mentalen Gesundheit.«

4. Welche Veränderungen haben Sie seit Beginn der Corona-Krise bei der mentalen Verfassung der Patienten, aber auch der anderen Menschen um Sie herum erlebt?

Tanja Hauner: »Die vielen Informationen aus den Medien zu den Entwicklungen und die große Unsicherheit belasten die mentale Gesundheit zunehmend – sicherlich nicht nur bei den Patienten. Daraus resultiert eine Vielzahl an negativen Gefühlen.

Zu Beginn stellten sich alle die zentrale Frage: ›Wie stecke ich mich nicht an?‹. Je länger sich die Krise hinzieht, desto mehr drehen sich die Ängste um die Zukunft. Wie wird sich die Situation entwickeln, was wird das mit uns machen, schaffen wir das wirtschaftlich, wie lange dauert die Isolation noch? Am Anfang stand also vor allem Sorgen um den medizinischen Verlauf des Virus, jetzt steigen auch die Befürchtungen vor psychologischen Auswirkungen auf sich und das persönliche Umfeld.

Aktuell ist Angst die Emotion, mit der die meisten Menschen am stärksten konfrontiert sind. Das liegt daran, dass die Situation vollkommen neu ist. Es fehlt an Bewältigungsstrategien und Erfahrungswerten, auf die man zurückgreifen kann. Wird man beinahe täglich mit angstauslösenden Nachrichten konfrontiert, kann man in einen Angstkreislauf abrutschen, den man alleine nicht mehr durchbrechen kann. Die aktuelle Selbstisolation erschwert den sozialen Austausch und verstärkt diese Gefühle. Hier besteht zusätzlich die Gefahr, dass Ängste und Isolation bereits vorbestehende psychische Erkrankungen weiter verstärken.«

5. Gerade in Krisenzeiten wird viel von Resilienz gesprochen. Kann man das trainieren?
Tanja Hauner: »Manche Menschen bewältigen Stress, Druck und Rückschlage besser als andere. Wenn Menschen in belastenden Situationen psychisch stabil bleiben, heißt diese Fähigkeit „Resilienz“. Resilienz wirkt wie ein seelisches Immunsystem, das hilft Krisen durchzustehen.

Resiliente Menschen verfügen über bestimmte Persönlichkeitseigenschaften, die die seelische Wiederstandfähigkeit ausmachen. Dazu gehören:

Akzeptanz: Veränderungen werden akzeptiert, statt dagegen anzukämpfen, sie sind Teil des Lebens, man muss akzeptieren, dass es nicht immer Lösungen gibt.

Positive Emotionen: Positive Ereignisse werden stärker und bewusster wahrgenommen, angenehme Emotionen bekommen mehr Raum als unangenehme.

Optimismus/Zuversicht: Resiliente Menschen gehen davon aus, dass sie schwierige und belastende Situationen durchstehen können. Diese Menschen halten länger durch, weil sie mit einem positiven Ausgang rechnen.

Positive Selbsterfahrung: Die eigene Wertschätzung ist bei resilienten Menschen höher, macht sie weniger abhängig von der Anerkennung durch andere, sie sind sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst.

Kontrollüberzeugung: Eingetretene Ereignisse werden stärker auf eigene Handlungen zurückgeführt, man fühlt sich in Krisensituationen nicht machtlos.

Selbstwirksamkeit: Man kann durch eigene Fähigkeiten gewünschte Ereignisse erreichen, resiliente Menschen vertrauen mehr auf eigene Kompetenzen.

Soziale Kontakte: Je größer und stabiler die sozialen Kontakte und Netzwerke, desto mehr Unterstützung und Hilfe bekommt man. Allein das Bewusstsein um diese Netzwerke reicht zur Stärkung der psychischen Wiederstandkräfte.

Resilienzen sind wie ein Muskel, der trainiert und aufgebaut werden kann. Wichtig dabei ist, Innehalten zu lernen und auf sich und seinen Körper zu hören.«