Wie soll das nur weiter gehen? Diese Frage stellt sich Christine Edmaier häufig, wenn die Nächte wieder einmal kurz waren und die Erschöpfung schwer auf ihren Schultern liegt. Früher war ihr Leben ein anderes: Sie war unabhängig, hatte ihren Freundeskreis, ihre Routinen, ihre Freiheiten. Heute bestimmt vor allem eines ihren Alltag: die Sorge um ihren Mann Hans. Seit seinem Schlaganfall im vergangenen Sommer ist nichts mehr selbstverständlich. Aus Gewohnheiten wurden Herausforderungen, aus gemeinsamen Plänen neue Realitäten. Was geblieben ist, sind ihre Verbundenheit und ihr unerschütterlicher Wille, den Weg gemeinsam weiterzugehen.
DER TAG DES SCHLAGANFALLS
Als Hans Edmaier am Morgen des 26. Juli vergangenen Jahres aus dem Krankenhaus in Eggenfelden entlassen wurde, schien zunächst alles nach Plan zu verlaufen. Zwei Tage zuvor hatte er einen Schrittmacher und einen Defibrillator eingesetzt bekommen. Nun durfte er nach Hause. »Um halb sieben hat er mich angerufen und gesagt, dass ich ihn um halb zehn abholen kann«, erinnert sich seine Frau Christine. Auf dem Heimweg nach Tann wollte ihr Mann noch eine Zeitung kaufen, was er bei einer Tankstelle dann auch getan hat. Nur wenige Kilometer später sackte Hans Edmaier auf dem Beifahrersitz zusammen. »Die Zunge hing raus, er war bewusstlos und nicht mehr ansprechbar«, erzählt die ehemalige Krankenschwester. Geistesgegenwärtig lenkte sie das Auto an den Straßenrand. Eigentlich hätte ihr Mann selbst fahren wollen. »Gott sei Dank bin ich gefahren«, sagt sie heute. Was dann folgte, hat sich tief eingebrannt. Kein Handyempfang. Keine Möglichkeit, den Notruf zu erreichen. Autos fuhren vorbei. Ihr Mann wurde im Gesicht bereits blau. »Ich habe mir gedacht: Er stirbt.« Kurze Zeit später hielt eine junge Frau an und organisierte Hilfe.


VON DER STROKE UNIT ZUR NEUROLOGISCHEN REHA
Der 71-Jährige wurde ins Klinikum Passau gebracht, wo er zunächst auf der Stroke Unit, einer Schlaganfall-Spezialstation, und anschließend auf einer normalen Station behandelt wurde. Am 11. August begann Hans Edmaier eine neurologische Rehabilitation im Passauer Wolf Bad Griesbach. Die Folgen seines Schlaganfalls waren erheblich. Er hatte eine mittelgradige Lähmung der rechten Körperseite, Sprachstörungen und Probleme beim Schlucken. Dr. Oliver Meier, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologie im Passauer Wolf Bad Griesbach, erinnert sich noch gut an seinen ersten Eindruck: »Trotz der körperlichen Einschränkungen und der vollständigen Abhängigkeit von Unterstützung war er ein lebensfroher und motivierter Mensch.« Gleichzeitig habe man aber auch gemerkt, wie sehr ihn die neue Situation verunsicherte. »Es waren Hilflosigkeit und Überforderung spürbar – verständliche Reaktionen auf einen so prägenden Schicksalsschlag.« Kein Wunder: Vor dem Schlaganfall war Hans Edmaier ein Mann, der trotz seines fortgeschrittenen Alters mitten im Leben stand. Er kümmerte sich um die Landwirtschaft, war in das Familiengeschäft eingebunden und gewohnt anzupacken. Von einem Tag auf den anderen auf Hilfe angewiesen zu sein und viele alltägliche Dinge nicht mehr selbst erledigen zu können, bedeuteten für ihn einen tiefen Einschnitt.
SEINE FRAU IST SEINE GRÖSSTE STÜTZE
Für seine Familie, insbesondere seine Frau Christine, begann damit ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt. 38 Jahre lang hatte sie selbst als Krankenschwester gearbeitet. Nun war sie aber nicht nur Fachkraft, sondern gleichzeitig auch Ehefrau. Während der gesamten achtmonatigen Rehabilitationszeit war sie täglich an seiner Seite. Die 71-Jährige fuhr jeden Tag 40 Kilometer nach Bad Griesbach und wieder zurück, begleitete Therapien und ließ sich Übungen zeigen, um ihren Mann auch außerhalb der Therapie bestmöglich zu unterstützen. Für Dr.Oliver Meier war schnell klar, welche Bedeutung sie für den Behandlungserfolg hatte: »Sie stand ihrem Mann in jeder Hinsicht stützend und hilfreich zur Seite. Sie verband liebevolle Zuwendung mit dem nötigen medizinischen Abstand und war jeden Tag bemüht, ihrem Mann Unterstützung und Rückhalt zu geben.« Für das gesamte Team sei sie eine wichtige Ansprechpartnerin gewesen. Mit einem individuell abgestimmten Therapieplan, der Unterstützung eines interdisziplinären Teams und vor allem seinem eigenen Willen arbeitete sich Hans Edmaier langsam zurück ins Leben. »Trotz seiner anfänglichen Bettlägerigkeit konnte er die Gehfähigkeit wiedererlangen«, berichtet Dr. Oliver Meier. Ausschlaggebend seien dabei nicht nur die therapeutischen nahmen gewesen, sondern auch die Persönlichkeit des Patienten selbst. »Freundlichkeit, Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen, Motivation und Geduld haben ihn ausgezeichnet. Und eigentlich hatte er immer ein Lächeln im Gesicht.«

DIE ZEIT NACH DER REHA
Am Ende der Rehabilitation hatte Hans Edmaier seine persönlichen Ziele erreicht und ein Stück weit seine Selbstständigkeit zurückgewonnen. Doch mit der Entlassung begann für das Ehepaar erst die vielleicht größte Herausforderung. Während Ärzt:innen, Pflegekräfte und Therapeut:innen im Passauer Wolf jederzeit Ansprechpartner:innen gewesen waren, lag die Verantwortung zu Hause nun vor allem bei seiner Frau Christine. Sie wusste, dass das Leben nach dem Schlaganfall nicht mehr so sein würde wie zuvor. »Ich habe zu ihm gesagt: Wenn du heim darfst, dann ist es dort nicht mehr wie früher«, erinnert sie sich. »Dass du dann rausgehst, ins Auto steigst und einfach losfährst – das geht nicht mehr.« Heute bestimmt die Pflege den Alltag. Die Freiheit, die Christine Edmaier früher hatte, gibt es kaum noch. »Ich kann meinen Mann nicht alleine lassen«, sagt sie. Einmal pro Woche bekommt sie für einige Stunden Unterstützung, um Besorgungen zu erledigen. Ansonsten nimmt sie ihn überallhin mit. Die Nächte sind besonders herausfordernd. Ihr Mann ist oft unruhig, Schlaf wird für beide zur Mangelware.
»Ich bin schon oft total überfordert«, gibt sie offen zu. Manchmal sei sie dann gereizt, sagt sie. Nicht, weil sie es wolle, sondern weil die Erschöpfung groß sei. Trotzdem kommt für sie zusätzliche Pflege von außen derzeit nicht infrage. Solange sie es alleine schafft, möchte sie ihren Mann selbst versorgen.
Fest an ihrer Seite steht dabei die Familie. Ihr Sohn und dessen Frau kümmern sich um das Geschäft und die Pferde. Die Enkelkinder holen ihren Opa immer wieder zu Ausflügen ab und schenken ihm schöne Momente – und ihr ein paar Stunden Zeit zum Durchatmen. Besonders für die Enkel habe sich vieles verändert. Früher unternahmen sie viel mit ihrem Opa. Das geht heute nicht mehr in derselben Weise. Doch die Familie hat gelernt, sich anzupassen und neue Wege zu finden. Natürlich gibt es Tage, an denen die Sorgen größer werden. »Ich denke mir schon oft: Wie geht das weiter?« Eine Frage, die viele pflegende Angehörige kennen. Und doch verliert sie ihren Mut nicht. Vielleicht ist genau das ihre größte Stärke. Nicht, dass sie niemals zweifelt. Nicht, dass sie immer stark ist. Sondern dass sie weitermacht – Tag für Tag. Wenn sie über die Fortschritte ihres Mannes spricht, klingt Stolz in ihrer Stimme mit. Die Zeit in der Rehabilitation hat viel bewirkt. Und auch wenn der Alltag heute anders aussieht als früher, bleibt eines unverändert: Sie stehen ihn gemeinsam durch. »Das kriegen wir schon hin«, sagt sie. Und man glaubt ihr jedes Wort.
Was tun wir für Angehörige?
Angehörige sind ein wichtiger Teil des Rehabilitationserfolgs. Deshalb unterstützen wir sie während des gesamten Rehabilitationsaufenthalts. Unser Sozialdienst sowie die psychosoziale Begleitung stehen für persönliche Gespräche, Beratung und Orientierung zur Verfü- gung – beispielsweise bei sozialrechtlichen Fragestellungen, Planung für die Zeit nach der Reha und im Umgang mit der veränderten Lebenssituation. Ergänzend bieten wir Angehörigenschulungen und Infoveranstaltungen, wie unsere Demenzreihe »Hilfe beim Helfen«, an. Diese vermitteln hilfreiches Wissen, geben Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung und schaffen Raum für Fragen und den Austausch. Wer seine nahestehende Person begleiten möchte, kann zudem als Begleitperson im Passauer Wolf übernachten und den Rehabilitationsprozess aktiv miterleben. »Angehörigen kommt eine zentrale Rolle im Genesungsverlauf zu«, betont Dr. med. Oliver Meier, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologie im Passauer Wolf Bad Griesbach. »Deshalb möchten wir sie stärken, sie über Anlaufstellen informieren und ihnen konkrete Unterstützungsangebote an die Seite stellen.« Während der neurologischen Rehabilitation begleitete Christine Edmaier ihren Mann täglich. Gemeinsam mit dem interdisziplinären Team und seinem behandelnden Arzt, Dr. Oliver Meier, Chefarzt der Neurologie, arbeitete Hans Edmaier Schritt für Schritt daran, seine Selbstständigkeit zurückzugewinnen.
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