Angst, Zweifel oder Misstrauen fühlen sich zwar ungut an, müssen aber deshalb nicht unbedingt negativ sein: Sie können uns vor potenziellen Gefahren warnen und uns daran hindern, Entscheidungen zu treffen, die uns schaden könnten. Für unsere Vorfahrinnen und Vorfahren war der Fokus auf Negatives überlebenswichtig, etwa um frühzeitig Bedrohungen zu erkennen und schnell richtig zu reagieren. Denn schon ein Knacken im Gebüsch (Windstoß? Säbelzahntiger?) konnte grausame Folgen haben.
ÜBERHOLTER ÜBERLEBENSMECHANISMUS
Vor etwa 10.000 Jahren ist der Säbelzahntiger ausgestorben. Die Neigung des Menschen, negative Informationen stärker wahrzunehmen, hat damit seine ursprüngliche Funktion verloren. Trotzdem betrifft der sogenannte »Negativitätseffekt«, auch »Negativity Bias« genannt, uns alle und übt als Überlebensmechanismus starken Einfluss auf uns aus: Bis heute hinterlassen negative Erlebnisse tiefere Spuren im Gehirn als positive und werden auch länger erinnert. Die Wirkung von negativen Erfahrungen ist so stark, dass ein Verhältnis von etwa 4:1 von positiven zu negativen Erlebnissen angenommen wird, um ausgleichend zu wirken. Kurz: Es braucht mindestens vier Mal gutes Feedback, um einen blöden Spruch zu verkraften. Findet nicht genug Ausgleich durch positive Erlebnisse und Erfahrungen statt, kann das unser Denken, Fühlen und Handeln negativ beeinflussen, etwa durch die Schwächung des Selbstwertgefühls, durch Misstrauen gegenüber Mitmenschen, durch Rückzug oder die Schwierigkeit, konstruktive Kritik annehmen zu können.
FOKUS AUF DAS POSITIVE
Warum negative Erlebnisse im Gehirn stärker erinnert werden, ist aus evolutionärer Sicht durchaus nachvollziehbar. Auch klar, dass sich diese Funktionsweise nicht so einfach abschalten lässt. Doch sind wir dem Negativitätseffekt auch nicht hilflos ausgeliefert. Denn unser Gehirn ist mit vielen, faszinierenden Funktionen ausgestattet, etwa der Neuroplastizität. Sie bedeutet, dass sich das Gehirn permanent verändert – je nachdem wie wir es gebrauchen (siehe auch Seite 17). Wer sein Gehirn mit positiven Gedanken und Erlebnissen stärkt, kann damit den Negativitätseffekt ins Aus manövrieren.
EIN PAAR VORSCHLÄGE
Schaffen Sie selbst Gelegenheiten, um das Positive stärker wahrzunehmen: Fühlen Sie bewusst die Sonne auf Ihrem Gesicht, genießen Sie ihre Wärme ein paar tiefe Atemzüge lang. Lassen Sie sich auf den melodischen Gesang der Amsel am Morgen ein, schnuppern Sie am blühenden Hollunder. Vielleicht pflücken Sie ein paar Dolden, um daheim Hollerkücherl zu backen? Abends notieren Sie dann die schönen Momente des Tages, geben ihnen so mehr Bedeutung und lenken Ihre Aufmerksamkeit dadurch immer stärker hin zu den positiven Seiten des Lebens. Üben Sie täglich ein paar Minuten lang. Durch Wiederholung stärken Sie die synaptischen Verbindungen in Ihrem Gehirn und können positive Gedanken und Gefühle einfacher und schneller abrufen.
DENN DIE FREUDE, DIE WIR GEBEN …
Guten Morgen, wie geht’s? Freundliche Menschen sammeln positivere Erfahrungen, stärken dadurch ihr Selbstwertgefühl und bringen ihre Lebensfreude zum Leuchten. Dabei muss Freundlichkeit gar nicht spektakulär sein. Schon ein Lächeln kann Wunder wirken. Probieren Sie es einmal im Selbstversuch: Lächeln Sie Passant:innen beim Spazierengehen zu. Sie werden überrascht sein, wie viele Leute zurücklächeln. Ein positives Feedback trägt immer dazu bei, die Auswirkungen von negativen Emotionen auszugleichen.
NUR MUT!
Sie müssen sich nicht jeder Situation aussetzen, die Ihnen Unbehagen oder Angst bereitet. Aber wenn Sie entdecken, dass Sie sich nur deshalb nicht für einen Tanzkurs anmelden, weil Sie eine mögliche Blamage fürchten, buchen Sie den Kurs so schnell wie möglich. Setzen Sie Ihrer persönlichen Entwicklung keine Grenzen, freuen Sie sich auf die Erweiterung Ihrer Erfahrungen und auf Ihr persönliches Wachstum. Also sagen Sie auch der Einladung zu einer Jubiläumsfeier zu, selbst wenn Sie dort nur eine einzige Person kennen. Gehen Sie hin – trotzdem.
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