In der freien Natur sind Tiere den ganzen Tag voll ausgelastet, manche auch nachts: Sie müssen für genügend Nahrung sorgen, geeignete Partner aufspüren, Feinden entkommen, sich fortpflanzen, Rückzugsorte zum Schlafen oder für die Aufzucht der Jungen finden, das Revier verteidigen. Trotzdem verbringen gerade junge Tiere einen großen Teil ihrer Zeit spielend, balgend, tobend. Eine Zeitverschwendung ohne jeden Sinn und Nutzen? Im frühen Jahr kann der aufmerksam Wandernde mit viel Glück und Geduld womöglich spielende Jungfüchse, -kaninchen oder gar -wölfe beim Toben entdecken. Die ausgeprägte Spiellust junger Tiere lässt sich aber auch bei tollenden Hunden oder wollknäueljagenden Katzen beobachten: Vorsichtig schleicht sich der Stubentiger an die »Beute« heran, attackiert sie lustvoll mit »Prankenhieben«, treibt sie vor sich her, jagt ihr nach und trainiert so Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Kondition.
Hunde, wie auch ihre Vorfahren, die Wölfe, beugen sich vor, spreizen die Vorderbeine, strecken das Hinter – teil in die Luft und signalisieren so ihren Artgenossen: »Ich bin bereit fürs Herumtoben.« Dann jagen sie los, schlagen wilde Haken, wechseln blitzschnell die Rollen: Plötzlich ist der Jäger der Gejagte – ein Riesenspaß! Spielen bereitet Tiere auf das spätere Leben vor – ohne gefährliche Konsequenzen fürchten zu müssen. So gesehen ist Spielen auch eine Art Überlebenstechnik. Dazu fördert ausgiebiges Spielen die Entwicklung des Gehirns, verbessert die körperliche Leistungsfähigkeit und optimiert die Beweglichkeit.
Beim Spielen erkunden die Jungen auch die Besonderheiten des Terrains, die Mulden und Hügel, die Bodenbeschaffenheit, die moosigen, steinigen oder sandigen Stellen und entdecken das ideale Versteck im Gestrüpp. Selbst das artgemäße Leben in der Gemeinschaft lernen Tiere rangelnd, raufend und kooperierend: Spielen macht schlau, stark und schnell. Und: Spielen macht (nicht nur jungen Tieren) Freude!


Funde aus der Steinzeit, etwa Würfel aus Knochen, Stein oder Holz, auch grob geformte Puppen aus Naturmaterialien belegen es: Seit Urzeiten spielt der Mensch. Trotzdem wird Spielen gern als unbedeutendes kulturelles Randphänomen der Menschheit gesehen. Eigentlich schade. Denn Spielen ist viel mehr als ein angenehmer Zeitvertreib.
Erst 1938 gebraucht der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga zur Beschreibung der Natur des Menschen den Begriff »Homo ludens« (spielender Mensch). Demzufolge ist Spielen ein zutiefst menschliches Tun: Menschen spielen von Natur aus gerne. Spielen dient nicht nur der Unterhaltung, dem entspannten Zeitvertreib, sondern prägt einen wichtigen Teil von Gesellschaft und Kultur.
SPIEL ODER ERNST?
In unseren fordernden, verwirrenden Zeiten, in denen etwa KI und Digitalisierung nicht nur zu rasantem Fortschritt – etwa in der Medizin – beitragen, sondern auch lang trainierte, normierte Arbeitsprozesse durch Automatisierung übernehmen, liefert das Spielen wichtige Impulse für eine positive Lebensführung. Qualitäten gelangen zu Ansehen, die im bisherigen Leistungs- und Optimierungsgetriebe eher unterrepräsentiert waren: Empathie, Entspannung, Kreativität, Glück.
IM AUGENBLICK LEBEN
Wer spielt, versinkt im Hier und Jetzt, ist dem Tagesgeschehen entrückt, konzentriert sich ganz auf den Augenblick, in dem die Würfel rollen, der Arm zum Schmettern des Balls ausholt, der Springer zum Rösselsprung ansetzt – ein beinahe meditativer Zustand. Das Gehirn schüttet die Glückshormone Dopamin und Serotonin aus, die den Körper mit Glücksgefühlen fluten. Der Alltagsstress hat Pause und macht der Freude Platz.
DER BEZIEHUNGSSTIFTER
Beim gemeinsamen Spielen trainieren wir auch den Umgang mit den eigenen Grenzen und den Grenzen anderer. Wir stellen uns dem Wettbewerb, erproben unsere Fähigkeiten und Kräfte, freuen uns über eigene und gemeinsame Erfolge und fühlen uns mit Mitspielerinnen und Mitspielern verbunden. Gemeinsames Spielen stärkt das Einfühlungsvermögen, fördert soziale Kompetenzen, vergrößert die Flexibilität, stiftet zwischenmenschliche Beziehungen und hilft gegen Einsamkeit.
NEUE WEGE GEHEN
Im Spiel begreifen wir schnell, welche Strategien funktionieren. Und welche nicht. Da reagieren wir erfindungsreich, probieren Erfolg versprechende Wege aus, beginnen uns von starren Vorgaben zu lösen. Im Rahmen vereinbarter (aber auch verhandelbarer) Regeln variieren kreative Spieler und Spielerinnen gegebene Anleitungen und entwickeln neue Spielideen. Dabei entdecken sie selbstgeschaffene, neue, größere Lösungs- und Handlungsspielräume – ein Booster für die Kreativität.
SPIELE IN BEWEGUNG
Bewegungsspiele steigern die körperliche Fitness, die Geschicklichkeit, das Konzentrationsvermögen. Das Herz-Kreislaufsystem wird gestärkt, motorische Fähigkeiten wie Koordination und Gleichgewicht verbessern sich. Im Team fördern Spiele Fairness und einen guten Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen. Bewegung baut zudem Stress ab, macht munter und verbessert die Stimmung.
DIGITALE SPIELE – ANALOGE FREUDE
FREUDE Je nach Ausrichtung fördern auch digitale Spiele die Reaktionsfähigkeit, das strategische Denken, die Konzentration. Manche verbessern die motorischen Fähigkeiten, andere stärken die Kreativität. Auch digitale Spiele führen zu einer kognitiven Stimulation und lösen Glücksgefühle aus, was die Spielenden zum Weitermachen motiviert. Dieser wertvolle Effekt wird mittlerweile in der Medizin und damit auch während der Rehabilitation genutzt – auch beim Passauer Wolf, etwa in Uro-/Onkologie, der Inneren Medizin/Kardiologie, der Neurologie oder der Geriatrie. Einer unserer beliebtesten technischen Spielemacher dort heißt »Care Table«, ein interaktiver Touchscreen, vollgepackt mit Spielen, Rätseln, Musik … Und mit ganz viel Freude.
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