Im April dieses Jahres erlebte Bernd Schwarz (72) einen traumatischen Motorradunfall, bei dem er sein Bein und fast auch seine Stimme verlor. Nur fünf Monate später ist er wieder auf den Beinen. Sein ungebrochener Lebensmut und eine dreigliedrige Therapie halfen ihm dabei.
Es war nicht abzusehen. Bernd Schwarz fuhr gemütlich eine kleine Tour mit seiner Harley Davidson »Eine Harley ist eigentlich kein Motorrad. Sagen die anderen Motorradfahrer«, lacht er. Fans meinen, eine Harley sei ein Statement. Ein fahrendes Sofa. Eine Maschine für Reisende, die nicht den Geschwindigkeitsrausch, sondern Fahrgenuss suchen. Eine Harley ist groß und ordentlich laut, sodass man sie weit hört. Bernd Schwarz trug zudem eine leuchtend orange Warnweste. Er hat alles richtig gemacht. Als unvermittelt ein PKW über eine Kreuzung brauste, als Bernd Schwarz auf seiner Höhe war. Das Auto raste ungebremst in die rechte Seite der Maschine. Und damit auch auf das Bein von Bernd Schwarz, der eine traumatische Amputation erlitt: Sein Bein wurde abgerissen.
»Im Kopf war ich ganz klar«
»Ich war schwer verletzt. Das wusste ich. Mein Unterschenkel lag im rechten Winkel unnatürlich verdreht auf der Straße, obwohl er durch die Kleidung noch mit meinem restlichen Körper verbunden schien. Ich wusste trotz des Schocks, dass es schlimm um mich stand.« Als früherer Marketingmanager weiß Bernd Schwarz um die Wirksamkeit präziser Ansagen. Aus der Jackentasche holte er seine Visitenkarte: »Benachrichtigen Sie meine Familie. Holen Sie einen Hubschrauber und bringen Sie mich bitte nach Murnau in die Unfallklinik«, bat er die Hilfeleistenden. Bernd Schwarz hatte schon viel Blut verloren, als der Hubschrauber eintraf. »Aber mein Kopf funktionierte noch«, erinnert er sich. Bis die erlösende Spritze kam und er wegdämmerte. Für zwei lange Wochen, denn so lange lag er im künstlichen Koma. Was nun folgte, weiß Bernd Schwarz nur aus zweiter Hand. Durch den Blutverlust schwebte er in Lebensgefahr und musste in Murnau notoperiert werden. Zur Beatmung während der Not OP musste Bernd Schwarz schnellstens intubiert werden, d.h. dass ein Tubus über den Mund zur Beatmung in die Luftröhre geschoben wird. Dafür musste ein Teil von Bernd Schwarz’ vergrößerter Schilddrüse wegoperiert werden. Eines seiner Stimmbänder erlitt dabei eine Lähmung.
Der weite weg zurück ins Leben
Es stand schlimm um ihn, selbst nach der ersten schnellen OP. Straßendreck und damit Keime und Pilze verunreinigten die Wunde, sodass er noch im Koma dreimal operiert werden musste. Jedes Mal wurde noch ein Stück Bein abgenommen, vom Unterschenkel regelrecht scheibchenweise bis nun oberhalb des Kniegelenks. Im Moment des Aufwachens aber fühlte er sich erstaunlich klar: »Ich hatte die Erinnerung, dass etwas Schlimmes mit meinem Bein passiert war und habe registriert, dass ich es verloren hatte. Ich habe es aber auch akzeptiert, Jammern ist nicht meins.« Bernd Schwarz wurde über eine Magensonde ernährt. Er konnte nicht sprechen und nicht mehr schlucken. Er hatte sein Bein verloren, der kleine Finger der rechten Hand und Teile des Unterarms bis zum Ellbogen waren vom langen Liegen taub und er hatte durch die künstliche Ernährung 27 Kilo abgenommen, die Haut hing schlaff an ihm herunter. Dazu meint er mit einem Schmunzeln: »So viel war es doch nicht, sechs oder sieben Kilo wog ja schon das Bein.« Woher nimmt dieser Mann nur seine Kraft und seinen Humor? »Das kommt bei mir auch aus dem Kopf. Zurückblicken bringt nichts. Aber kleine Ziele setzen und die Zukunft anvisieren. Es fühlt sich gut an, ein Etappenziel erreicht zu haben. Das Schicksal, das mich ereilt hat, kann ich nicht ändern. Aber meine Haltung dazu schon!«
Die Menschen hier wissen, was sie Tun
Seine drei Kinder, die Familie und Freunde waren ihm zudem eine große Stütze. noch in der Unfallklinik in Murnau ging er ins Fitnessstudio, um die im Koma abgebaute Muskulatur zu stärken. Als er dann in den Passauer Wolf nach Bad Gögging wechselte, gefiel ihm besonders die Aussage des Chefarztes: »Wir kriegen Sie wieder auf die Beine, versprochen.«
»An Saugern lutschen und in Wasserschüsseln summen? Natürlich, wieso nicht!«
Bernd Schwarz glaubte ihm. Und tat alles Menschenmögliche dafür. Bis zu zehn Behandlungen pro Tag durchlief er während seiner neunwöchigen, dreigliedrigen Therapie aus Phoniatrie, Orthopädie und Neurologie. »Was mir sehr geholfen hat, war das Schreiben. In meiner WhatsApp Gruppe ›Bernds Freunde‹ verfasste ich täglich ein Bulletin über meine Therapieerfolge. Ich kann das jedem nur raten, die Erfolge aufzuschreiben. Das stimmt doppelt positiv.« Auch ist es spannend, ältere Einträge zu lesen. Der erste Schritt. Das erste Mal schlucken – gefrorene Götterspeise. All das bestätigte Bernd Schwarz, wie viel er schon erreicht hat. Auch sammelte er schöne Momente in seinen Aufzeichnungen: »Wie göttlich war der erste Aperitivo in der Kliniklounge, das erste Essen im Klinikrestaurant.« Der Weg dahin war anstrengend: »Damit meine Stimme wieder funktionsfähig wurde, musste ich an einem Schnuller ähnlichen Sauger lutschen. Oder mit einem Schlauch im Mund in eine Schüssel voller Wasser summen. Viele meiner Mitpatienten meinten: ›Kinderkram, mache ich nicht.‹« Bernd Schwarz aber nutzte die Angebote. Alle. »Ich war schon einmal im Passauer Wolf und weiß, dass die Therapeuten und Ärzte dort wissen, was den Patienten hilft und gut tut. Wenn ich also die Chance habe, das mitzumachen, dann mache ich das.«

»Ein Mensch voller Urvertrauen«
Der Chefarzt der Orthopädie in Bad Gögging erklärt, wieso Bernd Schwarz so großartige Therapieerfolge vorweist.
Als Bernd Schwarz bei uns eingeliefert wurde, stand es nicht gut um ihn. Er hatte zwei Wochen im künstlichen Koma gelegen, wurde über eine Magen Sonde ernährt und hatte bei der Not OP einen Schaden am Stimmband und eine halbseitige Zungenlähmung erlitten. Sein Bein war wegen eines chronischen Infekts durch die Unfallverschmutzung mehrmals nachoperiert worden und er war sehr schwach. Aber ich bemerkte sofort, dass ich einen Kämpfer vor mir hatte.«
Abgestimmte Therapie Bausteine
Dr. Triebel schlug vor, dass Bernd Schwarz sofort mit der orthopädischen Therapie beginnen solle. Gleichzeitig wurde die Wunde des Beinstumpfes behandelt – in Bad Gögging gibt es dafür speziell ausgebildete Wundmanager – und mit der prothetischen Versorgung begonnen. Zusätzlich begann Bernd Schwarz mit der phoniatrischen Therapie, bei der man lernt, wieder zu sprechen und zu schlucken. Auch psychologische und rechtliche Beratung und die Einbindung von Sozialdiensten können direkt in der Klinik in Anspruch genommen werden. »Was bei Bernd Schwarz zwar nicht nötig war, aber wichtige Bausteine unseres ganzheitlichen Konzepts darstellen. Kaum eine Klinik in Bayern bietet dieses umfassende Angebot aus Neurologie, Phoniatrie und Orthopädie an«, weiß Dr. Triebel. »Deshalb wurden Herrn Schwarz vom Kostenträger, bei ihm als Rentner die gesetzliche Krankenversicherung, auch neun Wochen Reha bewilligt statt der üblichen drei Wochen.« Trotzdem hätte Dr. Triebel Herrn Schwarz, wie auch viele andere Patienten, gerne länger behalten. »Bei uns können die Patienten, so wie Bernd Schwarz das tat, vier, fünf oder sogar zehn Beratungen und Behandlungen pro Tag nutzen. Sobald sie wieder daheim sind, gibt es zweimal die Woche 20 Minuten Physio, das war es dann.« Im Fall von Bernd Schwarz jedoch war die zeitliche Begrenzung sinnvoll: »Durch die abzusehende Entlassung wusste er, dass er sich ranhalten muss, und er plagte sich von morgens bis abends. Schnell avancierte er zum Lieblingspatienten der Therapeuten.«
gegenseitiges Vertrauen
In einer einzigartigen Zusammenarbeit mit der Klinik in Regensburg, einem der Kooperationspartner des Passauer Wolf, wurden dann an nur einem Tag eine weitere Wund OP vorgenommen, die Magensonde entfernt und das Stimmband operiert. Ein weiterer Schritt Richtung Heilung. »Egal, ob Bernd Schwarz in der Ernährungsberatung war, bei der Lymphdrainage, der manuellen oder der Sporttherapie, im Fitnessstudio oder in der Phoniatrie bei der Logopädie: Stets fragten die Therapeuten: ›Können Sie noch?‹, aber ein ›nein‹ gab es nicht bei Bernd Schwarz. Er hatte vollständiges Vertrauen zu uns und unseren Therapien.« Das Resultat: nach nur vier Monaten war Bernd Schwarz wieder auf Krücken mobil. Dank einer Prothese, dem sogenannten CLEG, einem hochkomplexen Computer, wird er neue Bewegungsmuster lernen müssen. Dafür aber wird Bernd Schwarz seine Ziele – eine Kreuzfahrt, selbst Cabrio fahren und wieder Golf spielen, schon bald erreichen.
Bildnachweis: Brigitte Sporrer






















