Nicole Bäumler ist Abgeordnete des Bayerischen Landtags und steht 2023 mitten in der Hochphase ihres ersten Wahlkampfes, als sie die Diagnose Multiple Sklerose erhält. In den darauffolgenden zwei Jahren zeigt sich die Erkrankung nicht, bis sie im Herbst 2025 plötzlich wieder schubartig ausbricht. Doch für die Politikerin ist eines klar: Die Krankheit soll nicht ihr Leben bestimmen.
Es ist ein heißer Juni-Morgen 2023 als Nicole Bäumler aufwacht, sich wie jeden Tag ihre Brille aufsetzt – und stutzt. »Ich habe mir gedacht: Warum sehe ich denn alles doppelt?«, erinnert sie sich. Sie trinkt ein Glas Wasser und schiebt die Doppelbilder auf die hohen Temperaturen der vergangenen Nacht. Nach wenigen Augenblicken ist die Sehstörung verschwunden. Am nächsten Tag – während eines Festzugs, den sie als Landtagskandidatin besucht – kehren die Doppelbilder zurück. Ein befreundeter Arzt rät ihr, sofort in die Notaufnahme zu fahren. Es folgen ein MRT, zahlreiche Untersuchungen und eine Diagnose: Multiple Sklerose.
EIN SCHOCK – UND EIN HILFREICHES GESPRÄCH
»Natürlich war das erstmal ein Schock. Ich war bis dahin gesund«, erzählt die 39-Jährige. Doch der behandelnde Neurologe nimmt sich viel Zeit und ordnet die Diagnose ein. »Er hat mir alles ganz genau erklärt und mir sehr viel gutes Infomaterial mitgebracht, weil er vermeiden wollte, dass ich irgendwelche Schreckgeschichten im Internet bei Dr. Google lese.« Vor allem eine Aussage bleibt der Landtagsabgeordneten im Gedächtnis: Die Krankheit bestimme nicht ihren Beruf. Sie selbst entscheide darüber. Der Verweis auf die Politikerin Malu Dreyer, die mit Multipler Sklerose über zehn Jahre lang Ministerpräsidentin von Reinland-Pfalz war, wirkt wie ein Anker. »Das hat mir Mut gemacht. Ich dachte mir: Ja, ich habe diese Erkrankung – aber ich muss mein Leben nicht komplett nach ihr ausrichten. Nicht die Krankheit sucht sich meinen Job aus, sondern ich suche mir meinen Job aus.« Im Krankenhaus erhält Nicole Bäumler eine Kortison-Therapie; die Doppelbilder verschwinden. Anschließend beginnt sie eine Langzeittherapie, arbeitet weiter als Lehrerin und bestreitet gleichzeitig ihren Wahlkampf, der sie im Herbst 2023 in den Bayerischen Landtag führt.
AUS DEM NICHTS
Zwei Jahre lang bleiben die Symptome aus. Doch im Herbst 2025, nach einem Tag der offenen Tür im Abgeordnetenbüro, spürt Nicole Bäumler plötzlich ein Taubheitsgefühl in den Zehen. »Ich dachte erst an kalte Füße«, erinnert sich die Politikerin. Am nächsten Morgen ist das ganze Bein betroffen. Sie fährt in die neurologische Ambulanz und wird stationär aufgenommen. Ein MRT zeigt einen neuen Entzündungsherd im Rückenmark auf Höhe des fünften und sechsten Halswirbels. Im Laufe des Krankenhausaufenthalts zeigt sich, dass es sich um einen schweren Schub handelt. Die Standardtherapie schlägt nicht an. Die Symptome verschlechtern sich und weitere kommen hinzu. Erst eine Plasmapherese – eine aufwendige Blutwäsche – bringt Besserung. Ihre Ärzt:innen empfehlen ihr daraufhin eine neurologische Reha, die sie schließlich in der Passauer Wolf Hotelklinik Maria Theresia in Bad Griesbach antritt.
FORTSCHRITT DURCH REHA
Während ihres dreiwöchigen Aufenthalts im Passauer Wolf Bad Griesbach habe sich viel verändert, wie Nicole Bäumler berichtet. »Mein Gesundheitszustand hat sich seit Beginn des letzten Schubes in den letzten Wochen hier positiv entwickelt und viele Symptome haben sich verbessert, was natürlich auch mit der ganzen Umgebung hier zusammenhängt. Ich fühle mich hier sehr wohl. Alle Ärzt:innen, Therapeut:innen und Angestellten sind sehr freundlich, kümmern sich gut und sind bei Fragen immer zur Stelle.« Neben Kraft- und Koordinationstraining zählen auch Impulse zur Stressbewältigung, Nordic Walking an der frischen Luft sowie Krankengymnastik für den Muskelaufbau zum Reha-Plan der Landtagsabgeordneten. Die Restschwäche im Bein nimmt ab, beim Treppensteigen spürt sie nur noch eine leichte Ermüdung, die Sensibilitätsstörung in ihren Händen geht etwas zurück – und: »Ich habe in der Ergotherapie und Krankengymnastik viele kleine Übungen gelernt, die ich jetzt auch einfach zu Hause im Alltag weitermachen kann«, er-zählt die 39-Jährige. Auch der Austausch mit anderen Patient:innen habe sie in dieser Zeit bestärkt. »Alle hatten zwar unterschiedliche neurologische Erkrankungen, aber zu sehen, wie andere an sich arbeiten – das war wirklich inspirierend und hilfreich.«


BERUF, BELASTUNG – UND NEUE ACHTSAMKEIT
Ihr Arbeitspensum als Abgeordnete des Bayerischen Landtags ist intensiv. Einen geregelten Alltag gibt es kaum. Montag im Stimmkreis, Dienstag bis Donnerstag Plenarbetrieb in München, Sitzungen, Ausschüsse und Empfänge. Freie Wochenenden sind selten. »Gerade in den Sommermonaten stehen am Wochenende viele Feste und Jubiläen an, wo es eine große Ehre ist, wenn man als Abgeordnete eingeladen wird. Natürlich möchte ich solchen Einladungen gerne folgen«, erklärt die Politikerin. Ruhephasen gibt es daher nur wenige. Der letzte Schub kam kurz vor Ende der parlamentarischen Sommerpause – organisatorisch herausfordernd, aber machbar. »Meine Mitarbeiter:innen haben viele Termine umorganisiert, Kolleg:innen haben mich vertreten.« Doch gerade für die Zukunft hat Nicole Bäumler vor allem eines gelernt: »Ich muss mehr auf mich achten – das ist mein großes Learning.« Denn Stress ist ein Risikofaktor, der MS-Schübe auslösen kann.
EIN BLICK NACH VORNE
Nicole Bäumler weiß, wie überfordernd eine Diagnose im ersten Moment sein kann. Ihr wichtigster Rat an Menschen, die ihre Diagnose gerade erst erhalten haben, lautet daher: Viele Fragen stellen und vor allen Dingen die richtigen Menschen fragen. »Es gibt keine dummen Fragen. Und es ist so wichtig, sie den Expert:innen zu stellen – nicht dem Internet. Die Antworten dort sind oft viel beängstigender als die Realität.« Für die Zukunft wünscht sich die 39-Jährige möglichst wenige Schübe, denn: »Jeder Schub bringt das Risiko, dass Beeinträchtigungen bleiben. Ich wünsche mir daher, dass die neue Langzeittherapie gut greift.« Beruflich möchte sie ihren Weg weitergehen – und ihre Erkrankung möglichst gut mit ihrer Arbeit im Landtag vereinen. Und da ist noch etwas, das ihr wichtig ist: »Der Rückhalt von Familie und Freundeskreis hat mir unglaublich geholfen«, betont Nicole Bäumler abschließend. Eine Stütze, die sie durch Diagnose, Schub und Reha getragen hat – und Mut macht für das, was kommt.
Bildnachweis: Passauer Wolf





















