»Schau auf dich selbst!« – So ratgeberte es erst neulich wieder genauso deutlich wie ausrufebezeichnet aus einer im Wartezimmer lauernden Langeweilelektüre. Natürlich schaue ich auf mich selbst. Es ist das erste, was ich tue. Jeden Tag. Was ich allerdings in aller Frühe im Spiegel oft entdecke, trägt äußerst selten zu einer energieaufschäumenden Morgenmotivation bei. Abgesehen davon, dass an manchen Tagen berechtigter Zweifel in mir keimt, ob ich das überhaupt bin. Es ist erstaunlich, mit welcher Wucht eine einzelne Nacht in der Lage ist, mittels unbändigbarer Haarverlegungen, geisterbahntauglicher Augenrötungen und vollvisageumfassender Gesichtsfaltenwürfe ein gerade noch hinnehmbares Selbst vom Vorabend zum darauffolgenden Morgengrauen in dessen eigene Karikatur zu verwandeln. Ich bin davon überzeugt, dass ich dennoch ein ganz passabler Morgenmensch sein könnte. Man müsste lediglich den offiziellen Tagesbeginn auf 13 Uhr verlegen und dann sähe nicht nur die Welt, sondern auch ich ganz anders aus.
Gleichwohl erscheint es mir freilich einfacher, auf mich selbst zu schauen, als das eigene Selbst erst einmal finden zu müssen. So wie es in einem, derselben wartezimmerischen Langeweilelektüre beigelegtem, Reiseprospekt zu lesen war. Ich wusste gar nicht, dass ich mein Selbst überhaupt jemals verloren hatte, und schon gar nicht in einem Fünfsterne-Wellnesshotel im Schweizer Engadin, wohin ich der Reklame nach zum Suchen kommen sollte. Ich habe ohnehin früh damit aufgehört, mein wahres Ich zu erkunden. Aus finanziellen Gründen. Nachdem ich festgestellt habe, dass es sich um jemanden handelt, der ständig Hunger hat, ununterbrochen urlaubsreif ist und dessen Frühjahrsmüdigkeit sich längst nicht mehr auf eine Jahreszeit beschränken lässt. Sollte ich also tatsächlich den genauso ultimativen wie unvermeidlichen Lebensratgebern folgen, nämlich so zu sein, wie ich wirklich bin, dürfte ich nie mehr arbeiten und dafür ganzjährig in thermalbewässerten Luxusresorts herumhängen, um mich dort dreimal täglich durch das Schlaraffiversum nie versiegender All-Inclusive-Buffets zu fräsen. Immerhin, man kümmert sich um mich. In Zeitschriften, Büchern, Online-Foren und Freundeskreisen. Die Welt ist voller Ratgeber. Selbst meine Kaffeetasse meint es gut mit mir: »Mach mal Pause«, sagt sie. Ich werde ihren Rat befolgen und freue mich aufs nächste Mal. Hier, irgendwo zwischen diesen Blättern. Bis dahin, machen Sie es gut und – schauen Sie auf sich!
Bildnachweis: stefanwaehlt.de



















