Verstehen Sie bitte die Überschrift nicht miss. Natürlich steht es mir als Männchen einer durchaus sonderbaren Gattung überhaupt nicht zu, etwaige Ahnungen über menopäusliche Sachverhalte oder Zusammenhänge auch nur anzudeuten. Auch wenn ich als passiver Teilnehmer die hyperthermischen Auswüchse klimakterischer Wehen in unmittelbarer Nachbarschaft der von mir beschlafenen Doppelbetthälfte verschiedentlich miterleben konnte, mische ich mich in derartige Prozesse nicht ein. Übersetzt heißt das: Ja, meine Frau erwärmt sich auch. Genauso heftig wie unfreiwillig. Und wenn ich ihre Reaktionen richtig deute, geht es mich nichts an. Gar nichts.
Trotzdem habe ich das dringende Gefühl, dass es völlig egal ist, in welchen Körper man auch immer hineingeboren wurde – wir alle sind seiner ständigen Verwandlung ausgeliefert. Während die Entwicklung des Geistes immerzu voranzuschreiten scheint, schlägt der Körper nach einem Bruchteil seiner durchschnittlich zu erwartenden Lebensdauer die völlig umgekehrte Richtung ein und fängt bereits früh damit an, sich zu falten, das eigene Haupthaar fahl einzufärben oder sich gänzlich von ihm zu trennen. Ich selber hege mittlerweile den Verdacht, dass mein Gehirn und mein Körper schon seit Längerem getrennte Wege gehen. Während mein Gehirn mit Bestimmtheit zu mir sagt, ich sei in einem Alter angekommen, in dem ich endlich tun kann, was ich will, sagt mein Körper: »Tu es – und du wirst sterben.«
Es ist alleine die Gnade des gemeinsamen Alterns, dass man irgendwann im Kreise seiner Freunde sitzt und jeder zweite Satz plötzlich mit der Frage beginnt: »Wisst ihr noch…?« Viele wissen freilich schon nicht mehr. Nach fünf Minuten erzählt der erste, was ihm fehlt und begeistert rufen sämtliche Generationsgenossen ihm zu, dass sie das auch schon hatten. Bei der Tatsache, dass der Rudi jetzt eine Neue hat und der Herbert schon die Zweite, wäre man früher davon ausgegangen, dass es sich wohl um Frauen handeln dürfte. Heute geht es um Hüften.
Spätestens wenn man zu lernen anfängt, den Wert von Geldmünzen mit den Fingern zu ertasten, damit man die Bäckereifachverkäuferin nicht mit geöffnetem Geldbeutel darum bitten muss, sie möge sich herausnehmen, was es ausmacht, ist es Zeit, loszulassen. Die eigene Jugend. Bevor sie von selber vom Gepäckträger fällt.
Da man jedoch in keiner Lebensphase damit aufhören soll, die eigene Zukunft zu planen, habe ich mir nun vorgenommen, im Falle einer Reinkarnation, mir eine Wiedergeburt als Baum zu wünschen. Zwar muss dieser seine Wechseljahre zweimal jährlich durchleben, dafür wird er aber, im Gegensatz zu uns, im Alter immer schöner.
Das ist heute freilich anders. Mittlerweile kann man bereits in der ersten Schwangerschaftswoche am Achselschweiß des Vaters und am Ohrenschmalz der Mutter feststellen, dass das zu erwartende Kind in der achten Klasse wegen Erdkunde sitzen bleibt. Das sind jene Kinder, deren Väter vor den Babybäuchen ihrer Frauen sitzen und ihren ungeborenen Nachkömmlingen präventiv aus dem Weltatlas vorlesen. Wenn der Nachwuchs später in der neunten Klasse wegen Chemie oder Englisch sitzen bleibt, wissen die Eltern spätestens, dass sie alles richtig gemacht haben.
So begegnet man als Fortgepflänz von heute schon während der Kindheit vielen modernen Errungenschaften. Während es zu meiner Aufzucht nur zwei Uhrzeiten gab, nämlich hell und dunkel, wobei wir bei dunkel zuhause sein mussten und es bei hell Dinge gab, bei denen es für unsere Eltern mit Sicherheit gesünder war, nichts davon gewusst zu haben, gibt es heute eine Tracking-App. So kann erzeugerseits der Standort des Erzeugnisses jederzeit genauestens geortet werden. So ist es möglich, dass bei Annäherung an die Wohnadresse ein Meldeabstand festgelegt wird, an dem die Mikrowelle einzuschalten ist, damit der Chickenburger bei Erreichen des Zielorts für den Nachwuchs bereits in optimaler Verzehrwärme auf dem Esstisch steht.
Selbst wenn die Kinder einst das Haus verlassen, müssen wir uns um sie keine Sorgen mehr machen. Werden sie doch von Siri und Alexa bezüglich der wichtigsten Fragen des Lebens bis ins hohe Alter begleitet und auf YouTube genauso bildreich wie lückenlos darüber aufgeklärt, wie man beispielsweise die Erträge beim Nasenbohren optimiert und welche Garderobenteile man vorher abstreifen muss, damit man nicht in die Hose pinkelt.
Das Auto wird eines Tages von selber fahren. Der Kühlschrank wird sich künftig automatisch füllen, sobald unser Tiefspülklosett die aktuellen Urin-Analysewerte zur optimalen Lebensmittelversorgung an die zentrale Ernährungs- und Gesundheitsbehörde gemeldet hat. Selbst die Wiederauferstehung wird voraussichtlich in naher Zukunft digital erfolgen, gegebenenfalls mit entsprechenden Frühbucher-Rabatten. Sollte sich am Ende doch die Wiedergeburt als gängige Glaubenspraxis durchgesetzt haben, würde ich mir freilich wünschen, auch dann wieder ein Wunschkind sein zu dürfen.
Ihr Stefan Wählt
Bildnachweis: stefanwaehlt.de






















