Einen Absturz über 800 Höhenmeter im April 2014 überlebte die Athletin schwerstverletzt. Wie sie sich trotzdem zurück auf den Gipfel kämpfte — und warum sie heute weiß, dass es die kleinen Dinge sind, die zählen.
Sie liebt es, an Blumen zu schnuppern. Das Gesicht in die Sonne zu halten. Den Moment zu genießen. – Kleinigkeiten, die wir normalerweise im Alltag gar nicht mehr registrieren, so selbstverständlich, wie sie sind. Gela Allmann nimmt sie wahr. Denn selbstverständlich ist für sie seit dem 3. April 2014 gar nichts mehr. Es ist der Tag, an dem ihr Leben fast geendet hätte; der Tag, an dem zumindest das ihr bis dahin bekannte Leben vorbei war. Oder aber, wie die 32-Jährige es formuliert: »Es ist mein zweiter Geburtstag.« Wie typisch für sie: Warum etwas negativ betrachten, wenn man es auch positiv sehen kann? Aber der Reihe nach … In der Natur war Gela Allmann immer schon gern. Am Berg. Am liebsten auf dem Gipfel. Und das möglichst schnell. Als »rastlos« beschreibt sie sich, »eine Getriebene«. Sie erlebt eine glückliche, behütete Kindheit im idyllischen Indersdorf, sagt: »Meine Eltern haben mir ganz viel mitgegeben.« Sie führt eine langjährige, harmonische Beziehung zu ihrem Freund Marcel. Sie ist jung, schön – und erfolgreiche Sportlerin. Sie, die »gar nicht gehen kann, immer nur laufen, rennen, am liebsten sechs, sieben, acht Stunden am Stück, rauf und runter, das war das Perfekte für mich“, findet im Bergsport ihre Bestimmung. Berglaufen und Skibergsteigen werden ihre Lieblingsdisziplinen, Plätze auf dem Treppchen bei internationalen Wettkämpfen folgen schnell. Neben dem Leistungssport arbeitet sie für Zeitschriften und das Fernsehen, ist auch als Sportmodell tätig. Gela Allmann fühlt sich heimisch auf der Überholspur. Bis zu jenem Datum, das alles ändert.
Zunächst lässt es sich gewohnt großartig an: Die damals 29-Jährige befindet sich bei strahlendem Sonnenschein für ein Shooting auf einem isländischen Gipfel in rund 1.000 Metern Höhe. Die Fotos sind eigentlich schon im Kasten. Für ein allerletztes, die Skier auf den Rücken geschnallt, begibt sich die Bayerin in Position – und dann geht sie ihn, den einen falschen Schritt. Allmann stürzt. Der vereiste Hang bietet keinen Halt; sie rutscht immer weiter abwärts, ohne eine Chance, sich festhalten zu können. Ihr Tempo wird immer schneller, sie überschlägt sich, die Haut reißt auf, sie prallt gegen Felsen. Ihre Knochen brechen. Sehnen, Bänder und Muskeln reißen, ebenso die Hauptarterie ihres rechten Beins. Gela, die die Zerstörung ihres Körpers bei vollem Bewusstsein ertragen muss, ist sich sicher: »Mein Leben wird gleich vorbei sein.« Die Schmerzen sind unbeschreiblich. Irgendwann denkt sie an ihre Eltern, an ihren Freund. Sie bedauert, ihn nie mehr in den Arm nehmen zu können – und sie wünscht sich, bitte endlich ohnmächtig zu werden. Ein Segen, dass das nicht passiert: Nach minutenlangem Fall gelingt es der Verletzten, mit allerletzter mobilisierter Kraft den Sturz abzubremsen. Bis sie schließlich still auf dem Eis liegt. Etwa 800 Meter unter dem Gipfel, kurz bevor die Felskante schroff abfällt, weit darunter der tiefblaue Fjord. Hätte sie dort nicht stoppen können, wäre der Tod wohl unausweichlich gewesen. Doch sie lebt.

»Man braucht eine große Vision. Und bis dahin viele kleine Etappenziele.«
ZWISCHEN LEBEN UND TOD
Ihre nun folgende Rettungsaktion bezeichnet die Athletin als eine »Kette von Wundern«. Dass ihre Begleiter ein Funkgerät dabeihaben, mit der sie Hilfe anfordern können, als sie endlich bei der Schwerverletzten ankommen – Wunder eins, denn Handys funktionieren am Berg nicht. Dass ein privater Hubschrauber sie ins nächstgelegene Krankenhaus bringt, Wunder Nummer zwei. Doch im Hospital kann man ihr bis auf die Erstversorgung nicht helfen; Gela Allmann wird weiter ins Hauptstadtkrankenhaus geflogen. Dringend muss sie jetzt in den OP: Die Gefahr, innerlich zu verbluten, ist durch die gerissene Hauptarterie im Bein sehr groß. Ihrem seit Stunden nicht mit Sauerstoff versorgten Unterschenkel droht die Amputation. Doch das dritte Wunder geschieht: In einer neunstündigen Notoperation retten die Ärzte in Reykjavík nicht nur Gelas Leben; sie erwacht am nächsten Tag auf der Intensivstation mit beiden Beinen. An ihrem Krankenbett sitzt ihr Freund. Allmann ist überall bandagiert, fixiert, fast mumifiziert. Sie kann sich nicht bewegen, nicht sprechen, sie weint. »Vor Glück und Dankbarkeit.« Denn sie lebt.
JEDEN TAG FLIESSEN TRÄNEN
Es dauert eine gute Woche, bis sie nach München transportiert werden kann. Freude und Erleichterung, wieder zu Hause zu sein, bei der Familie, den Freunden, »dort, wo ich die Sprache verstehe«, sind groß. Doch hier zeigt sich auch klar: Gela Allmanns künftiges Leben wird ein anderes sein. Die gravierenden Verletzungen machen viele weitere Operationen erforderlich, fesseln sie über Wochen und Monate ans Bett. Eine Qual für die körperlich sonst so Aktive. Doch statt mit dem Schicksal zu hadern, weckt das den Kampfgeist der Sportlerin. »Ich habe mir gesagt: du lebst, und nun musst du alles dafür. eben, was in deiner Hand liegt, damit es so gut wie möglich wird.« Allmann tut das, was sie durch den Sport bestens kennt: Sie beißt sich durch. Jede Reha-Maßnahme, egal wie schmerzhaft und anstrengend sie ist, begrüßt die Vorzeige-Patientin. Sie trainiert so intensiv, dass sie gebremst werden muss. Doch es gibt auch Momente der Schwäche: »Ich hab’ monatelang jeden Tag geweint. Meistens abends, wenn mein Freund da war. Ich hatte ja sozusagen mein vorheriges Leben verloren, denn ich wusste, ich komme so nicht mehr in den Leistungssport zurück. Das habe ich wahnsinnig betrauert.« In diesen Augenblicken hilft Gela ihre große Vision: Sie will »wieder auf dem Berg stehen, egal wie«. Innere Bilder der Gipfel nutzt sie dazu, sich »positive Gedanken zu zaubern«. Und sie setzt sich Etappenziele. Erstmal gilt es schließlich nicht, auf den Berg zu kommen, sondern in die Senkrechte. »Stehen, allein aufs Klo gehen, endlich ins Wasserbad zu dürfen, fünf Minuten aufs Fahrrad, bei 30 Watt. An diesen kleinen Schritten hab ich mich so erfreut!«
DER BERG RUFT IMMER NOCH
Nach vier Monaten ist es das erste Mal soweit, Gela Allmann ist wieder oben auf dem Berg. Zwar per Bahn, auf Krücken, in Begleitung von Marcel – aber unendlich glücklich. Heute, drei Jahre nach dem Sturz, braucht ihr Körper Bewegung nach wie vor, doch ihr Geist ist ruhiger geworden. Sie empfindet Demut und Dankbarkeit, teilt ihre Erfahrungen, macht anderen Mut: »Wir Menschen müssen begreifen, welches Potenzial wir ins uns tragen und wie viel wir selber in der Hand haben.« Die 32-Jährige lächelt in die Sonne. Sie lebt!
Bildnachweis: Gela Allmann/privat, Baschi Bender, Michael Müller/KME Studios für Dynafit






















